Fast 80 Jahre lag es im Sand verborgen, nun ist es wieder ans Licht gekommen: Auf dem Marineflugplatz Nordholz im Landkreis Cuxhaven haben Bauarbeiter zufällig ein Sturmgeschütz aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben handelt es sich um ein nahezu vollständig erhaltenes Fahrzeug.
Historisch bedeutender Fund
Mariel Kubatz von der Behörde bezeichnete den Fund als „historisch bedeutendes Fundobjekt“. Normalerweise würden bei solchen Ausgrabungen eher Einzelteile gefunden, sagte sie. Diesmal aber kam ein fast komplettes Sturmgeschütz zum Vorschein – ein schweres Zeugnis der letzten Kriegsmonate in Nordwestdeutschland.
Warum das Fahrzeug so gut erhalten ist
Dass das Fahrzeug heute noch in diesem Zustand existiert, hat vor allem mit seinem Fundort zu tun. Das Sturmgeschütz lag am Rand einer Böschung, tief im trockenen Sand. Der Boden wirkte über Jahrzehnte wie eine natürliche Konservierungsschicht. An einigen Stellen ist nach Angaben der Experten noch Tarnfarbe zu erkennen. Eine Seite des Fahrwerks wirkt erstaunlich intakt, beinahe so, als sei sie erst vor kurzer Zeit montiert worden.
Der Archäologe Andreas Hüser, Leiter der Archäologischen Denkmalpflege im Landkreis Cuxhaven, sagte, Fachleute gingen davon aus, dass einzelne Teile des Fahrwerks noch kurz vor Kriegsende ausgetauscht worden seien. Dazu zählten offenbar eine Laufrolle und mehrere Räder. Besonders eindrucksvoll ist nach Angaben der Fachleute außerdem, dass sich das Fahrzeug noch öffnen lässt.
Hüser sagte, der Blick ins Innere sei „sehr eindrucksvoll“. Zugleich beschrieb er den Innenraum als „bedrückend eng“. In diesem engen Raum war das Sturmgeschütz für vier Soldaten ausgelegt: Vorn saß der Fahrer, hinter ihm richtete ein weiterer Soldat die Kanone aus. Der Kommandant gab die Befehle, ein vierter Mann lud die Geschosse nach.
StuG III: Kein gewöhnlicher Panzer
Auf den ersten Blick sieht das Sturmgeschütz aus wie ein Panzer. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Bauweise: Das StuG III hatte keinen drehbaren Turm. Seine Kanone war nach vorn ausgerichtet. Wollte die Besatzung grob zielen, musste sie das gesamte Fahrzeug bewegen. Erst die Feinausrichtung erfolgte über die Kanone selbst.
Diese Konstruktion machte das StuG III einfacher zu bauen als viele Panzer mit Turm. Es war niedriger, vergleichsweise beweglich und für die Wehrmacht auch deshalb wichtig, weil es in großer Zahl produziert werden konnte. Bis April 1945 wurden rund 9.300 Exemplare hergestellt. Henning Haßmann, Landesarchäologe beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, nannte das Sturmgeschütz deshalb einen „Bestseller“ der deutschen Rüstungsindustrie.
Weiße Markierungen am Kanonenrohr
Nach bisherigen Erkenntnissen gehörte das Sturmgeschütz zu einer Brigade aus Nordholz, die vor allem in Frankreich stationiert war. Ob genau dieses Fahrzeug dort tatsächlich im Einsatz war, ist noch nicht geklärt. Sicher scheint jedoch: Es war kein unbenutztes Depotstück. Mindestens 17 weiße Markierungen am Kanonenrohr deuten darauf hin, dass das Sturmgeschütz Kampferfahrung hatte. Für jeden zerstörten gegnerischen Panzer sei offenbar eine solche Markierung angebracht worden, erklärte Hüser.
Damit erzählt der Fund auch von den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs in Nordwestdeutschland. In der Region wurde bis kurz vor Kriegsende noch heftig gekämpft. Als das NS-Regime militärisch bereits kollabierte, blieben vielerorts Waffen, Fahrzeuge und Munition zurück. Was nicht mehr gebraucht wurde oder als gefährlich galt, wurde häufig direkt vor Ort beseitigt, gesichert oder verscharrt.
Die Archäologen gehen davon aus, dass alliierte Truppen das Sturmgeschütz kurz nach Kriegsende in einem Graben vergruben. Dort lag es offenbar zusammen mit weiterem militärischem Material. Bei den Ausgrabungen fanden die Fachleute auch Munitionsreste und kleinere Granatensplitter.
Wie es mit dem Fund weitergeht
Anfang Juni wurde das 29 Tonnen schwere Sturmgeschütz mit einem Kran aus dem Boden gehoben. Im August soll es zunächst ins Deutsche Panzermuseum Munster im Heidekreis gebracht werden. Dort wollen Fachleute das Fahrzeug genauer untersuchen, stabilisieren und vor weiterem Verfall schützen. Wie lange es in Munster bleiben wird, ist noch unklar. Perspektivisch soll es im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden gezeigt werden.
Bis Besucher das Sturmgeschütz in einer Ausstellung sehen können, dürften allerdings mehrere Jahre vergehen. Dann wird es nicht nur als militärhistorisches Objekt zu sehen sein, sondern auch als Beispiel dafür, wie lange Spuren des Zweiten Weltkriegs im Boden erhalten bleiben können.



