Mit großer emotionaler Beteiligung hat am Landgericht Zweibrücken der Prozess um den getöteten Zugbegleiter Serkan Çalar begonnen. Der 36-Jährige war Anfang Februar in einem Regionalexpress nach einer Fahrscheinkontrolle von einem Schwarzfahrer attackiert worden und zwei Tage später an einer Hirnblutung gestorben. Angeklagt ist ein 26-jähriger Grieche wegen Körperverletzung mit Todesfolge.
Familie des Opfers fordert Gerechtigkeit
Viele Angehörige des Opfers waren zum Prozessauftakt erschienen, darunter der Vater, vier Brüder, Cousins, Tanten und Onkel. Sie hielten mit Fotos bedruckte Leinwände in den Händen, die Serkan Çalar zeigten. „Wir wollen zeigen, dass Serkan Çalar hier ist, dass er mit uns gekommen ist. Seine Seele ist hier“, sagte Bruder Ismail Çalar. „Es sei sehr wichtig, Serkan ein Gesicht zu geben“, ergänzte Bruder Eray Çalar. Die Familie gehe mit gemischten Gefühlen in den Prozess; den mutmaßlichen Täter sehe man zum ersten Mal.
Tathergang: Faustschläge nach Ticketkontrolle
Die Tat ereignete sich am 3. Februar in einem Regionalexpress der Linie von Landstuhl (Westpfalz) nach Homburg (Saarland). Der Schaffner hatte den Angeklagten aufgefordert, sein Ticket zu zeigen. Da dieser keinen Fahrschein besaß und sich nicht ausweisen wollte, forderte der Zugbegleiter ihn auf, den Zug zu verlassen. Laut Anklage habe den Mann das derart verärgert, dass er gewalttätig wurde. Der Staatsanwaltschaft zufolge drohte der Angeklagte: „I‘m a boxer. I‘m a fighter“ („Ich bin ein Boxer, ich bin ein Kämpfer“). Anschließend versetzte er dem Zugbegleiter mehrere kräftige Faustschläge gegen den Kopf und die Schläfen. Das Opfer kippte bewusstlos um und starb zwei Tage später im Krankenhaus an einer Hirnblutung.
Der Angeklagte Ioanni V. (Name geändert) gab am ersten Prozesstag auf Griechisch Auskunft zu seiner Person, die von einer Dolmetscherin übersetzt wurde. Er sagte, er habe zwei Tage nach der Festnahme erfahren, dass der Zugbegleiter gestorben sei. „Er konnte nicht glauben, dass es wahr ist.“ In der Untersuchungshaft habe er 20 Tage lang nichts gegessen und Suizidgedanken gehabt. Er beteuerte, nie Kampfsport wie Boxen betrieben zu haben. Der Angeklagte, gekleidet in weißem Hemd und dunklem Sakko, mit zum Dutt gebundenen Haaren, gab ruhig und kontrolliert Auskunft. Er habe Business studiert, sei einige Zeit in England gewesen und zuletzt in Luxemburg in der Buchhaltung tätig gewesen.
Rechtliche Einordnung und Zuschauerandrang
Die Staatsanwaltschaft hatte den 26-Jährigen zunächst wegen Mordes angeklagt. Das Landgericht wertet die Tat jedoch als Körperverletzung mit Todesfolge, da es derzeit keine Gründe für einen Tötungsvorsatz gebe. Sollte sich dies im Laufe des Verfahrens ändern, werde das Gericht einen rechtlichen Hinweis erteilen. Der Angeklagte hat das „objektive Tatgeschehen“ laut Staatsanwaltschaft eingeräumt, einen Tötungsvorsatz aber bestritten. Zum Teil könne er sich nicht mehr erinnern.
Der Zuschauerandrang war so groß, dass nicht alle Interessierten Einlass in den Gerichtssaal fanden. Als der Angeklagte in Handschellen vorgeführt wurde, riefen Zuschauer „Schäm dich“ und „Drecksmörder“. Familienangehörige hielten ein großes Porträt von Serkan Çalar in Richtung des Angeklagten. Ein Cousin des Opfers aus Ludwigshafen sagte: „Es ist heute ein schwerer Tag. Den Angeklagten zu sehen, ist bedrückend.“
Nebenklage fordert Signal gegen Gewalt
Yalçın Tekinoğlu, Anwalt der Familie als Nebenklägerin, kritisierte, dass es nur 30 Plätze für Zuschauer im Saal gebe. Das Gericht hätte prüfen müssen, ob ein größerer Saal zur Verfügung gestellt werden könne. Es sei „ein großes Anliegen der Familie“, an dem Prozess teilzunehmen. Kein Urteil und kein Gericht könne Serkan Çalar zurückbringen, aber die Angehörigen hofften, dass von diesem Prozess „ein Signal ausgeht“, dass künftig Gewalttaten gegen Mitarbeiter im öffentlichen Raum aufhörten. Laut Anwalt gab es insgesamt zwölf Schläge.
Serkan Çalar war der älteste von fünf Brüdern und alleinerziehender Vater von zwei Söhnen. Auch Mitarbeiter der Deutschen Bahn waren zum Prozess gekommen.
Debatte um Sicherheit im Bahnverkehr
Der Fall löste bundesweit eine Debatte über Sicherheit im Bahnverkehr aus. Nach Angaben der Bundesregierung wurden 2025 rund 2.690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn von der Bundespolizei aufgenommen – das waren etwa elf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Deutsche Bahn testet seitdem beim Personal die Doppelbesetzung: In etlichen Zügen von DB Regio Mitte sind nun zwei Kundenbetreuer gemeinsam unterwegs. Alternativ arbeiten eine Sicherheitskraft und ein Kundenbetreuer zusammen. Ein Sprecher sagte, von Mitarbeitenden sei zurückgemeldet worden, dass durch das gemeinsame Auftreten kritische Situationen besser entschärft und eine Eskalation verhindert werden konnte. Ein weiteres Pilotprojekt mit stichhemmenden Westen starte im Juli.
Insgesamt sind am Landgericht acht Verhandlungstage geplant. Mit einem Urteil wird am 9. Juli gerechnet.



