Funke Mediengruppe Organspende: Nach Lungentransplantation beginnt für Mette-Marit die entscheidende Zeit
Berlin. Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat eine neue Lunge erhalten. Ein Experte erklärt, wie die Transplantation ablief – und worauf es jetzt ankommt. Von Laura Réthy, Redakteurin im Ressort Leben
Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit hat sich einer Lungentransplantation unterzogen. Das Königshaus meldet: Die Operation ist „erfolgreich verlaufen“. Ein Arzt erklärt, wie eine Transplantation abläuft.
Schon seit langem kämpfte Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit mit einer kranken Lunge. Nun hat sich die 52-Jährige einer Transplantation unterzogen. Die Operation sei nach bisherigem Stand „erfolgreich verlaufen“, erklärte auch der Mediziner Arnt Fiane vom Nationalkrankenhaus in Oslo.
Die Transplantation einer Lunge ist einer der größten Eingriffe, die die Medizin kennt. Er dauert mehrere Stunden, danach ist in der Regel eine mehrtägige Überwachung auf einer Intensivstation nötig. Dennoch ist die Erfolgsquote hoch. Von 100 Patienten können 95 das Krankenhaus nach einer Lungentransplantation verlassen. Nach einem Jahr sind noch mehr als 80 Prozent der Operierten am Leben, fünf Jahre später je nach Art des Eingriffs 60 bis über 70 Prozent.
Mette-Marit hat eine neue Lunge – Königshaus bestätigt Transplantation
Auch mit neuer Lunge: Mette-Marit wird Patientin bleiben. Doch diese Zahlen sind an harte Bedingungen geknüpft. „Die Patienten müssen für immer Medikamente einnehmen“, sagt Professor Christian Witt, Lungen-Experte an der Berliner Charité. Norwegens Prinzessin Mette-Marit wird also auch nach einer Transplantation ihr Leben lang Patientin bleiben und überwacht werden.
Bei den Medikamenten handelt es sich um sogenannte Immunsuppressiva. Wirkstoffe, die das Immunsystem des Menschen unterdrücken. „Würde man sie nicht geben, würde der Körper das neue Organ abstoßen“, erklärt Witt. Obwohl bei der Auswahl des Organs darauf geachtet werde, dass die Blutgruppe von Spender und Empfänger und bestimmte Gene übereinstimmten, erkenne der Körper das Organ als fremd. „Das Immunsystem bläst die Fanfaren wie in den Napoleonischen Kriegen und kämpft gegen das Fremde“, sagt Witt, „das gilt es zu unterbinden.“
Lungentransplantation auch heute kein Routineeingriff
Mit der Unterdrückung des Immunsystems begann auch die erst junge Geschichte der erfolgreichen Lungentransplantation. Erste Versuche gab es in den 1940er- und 50er-Jahren mit Hunden. Sie starben nach kurzer Zeit. Am 11. Juni 1963 gelang dem US-amerikanischen Chirurgen James Hardy die erste Transplantation einer Lunge beim Menschen. Der wegen Mordes verurteilte Patient John Russell starb 18 Tage nach dem Eingriff.
Fünf Jahre später operierte der belgische Chirurg Fritz Derom einen jungen Mann. Der Eingriff gilt als die weltweit erste erfolgreiche Lungentransplantation: Der 24-Jährige überlebte zehn Monate. Aber erst mit der Einführung von Immunsuppressiva wie Ciclosporin Anfang der 80er-Jahre wurde aus höchst riskanten chirurgischen Pioniertaten ein regulärer medizinischer Eingriff.
Von Routine kann trotzdem nicht die Rede sein. So wurden in Deutschland 2025 laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation 308 Lungentransplantationen durchgeführt. Zum Vergleich: Pro Jahr werden hierzulande über 230.000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Im Gegensatz dazu ist es nicht einmal eine Lunge pro Tag, die irgendwo in Deutschland verpflanzt wird. Damit ist die Lungentransplantation einer der selteneren Eingriffe.
So läuft eine Lungentransplantation ab
Die Transplantation einer Lunge gehört zu den Königsdisziplinen der Chirurgie. Es gibt Transplantationen von ein oder zwei Lungenflügeln, aber auch von Herz und Lunge. „Wir nehmen ein Spenderorgan, um es in jemand anderen zu implantieren – damit wird es anspruchsvoll“, sagt Witt. Ist das Spenderorgan in der Klinik des Empfängers eingetroffen und hat es der Transplanteur für gut befunden, beginnt die OP.
Zunächst wird der Brustkorb des Patienten meist seitlich geöffnet und die kranke Lunge gelöst. Die verschiedenen Verbindungen werden gekappt – zu den Hauptbronchien, die jeweils einen der beiden Lungenflügel mit Sauerstoff versorgen; zu den Lungenarterien, die das sauerstoffarme Blut vom Herzen zur Lunge transportieren. Und zu den Lungenvenen, die das mit Sauerstoff angereicherte Blut zum Herzen zurückführen. „Dann setzt der Chirurg das Spenderorgan ein und vernäht Hauptbronchien, Arterien und Venen mit den Gefäßen des Empfängers“, erklärt Witt. Da die Lungenflügel einzeln transplantiert werden, erfolgt die Beatmung meistens durch den verbleibenden Lungenflügel. Auch der neu eingesetzte Flügel kann oft schon den Körper mit Sauerstoff versorgen. Nach der Operation sollen die Patienten möglichst schnell ohne Beatmungsschlauch atmen.
Neue Lunge für Mette-Marit? So entscheidet sich, wer ein Organ erhält
Doch wie wird überhaupt entschieden, wer eine neue Lunge erhält? Schließlich gibt es deutlich mehr Menschen, die ein Spenderorgan benötigen, als Spender. „Es gibt eine wichtige Leitfrage: Welches Risiko hat der Patient, in der Wartezeit zu versterben?“, so Christian Witt. In Deutschland ermittelt der sogenannte Lung-Allocation-Score (LAS) anhand von Daten wie Lungenfunktion, anderen Vorerkrankungen, Alter und der Überlebenswahrscheinlichkeit nach der Operation eine Dringlichkeit zwischen 0 und 100.
Zusätzlich untersucht ein Transplantationspsychologe den potenziellen Empfänger genau: Wie ist sein Lebensumfeld, wird er für eine regelmäßige Einnahme der Medikamente sorgen, wird er darauf achten, sich keinem Infektionsrisiko auszusetzen? Wichtig ist: Der Überlebenswille muss da sein. „Zwar ist das Organ in erster Linie für den Empfänger da. Aber es gilt auch umgekehrt“, bestätigt Witt. „Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns die Empfänger vorher ganz genau ansehen.“ Auch bei Mette-Marit dürfte das passieren. In ihrem Fall scheint die notwendige Fürsorge nach der OP allerdings gesichert – dafür dürfte das Königshaus sorgen.
Dieser Text wurde erstmals im August 2018 veröffentlicht.



