Depression in der Psychiatrie: Experte erklärt, wann Einweisung sinnvoll ist
Depression: Wann eine Einweisung in die Psychiatrie hilft

Depression in der Psychiatrie: Experte erklärt, wann eine Einweisung sinnvoll ist

Berlin. Menschen mit Depressionen zögern oft, eine psychiatrische Klinik aufzusuchen. Ein Psychiater erläutert, wann dieser Schritt der beste ist und was Betroffene erwartet.

Über neun Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Neben Antriebslosigkeit, Erschöpfung und innerer Leere treten häufig Schlaflosigkeit und diffuse Schmerzen auf. Die Suche nach professioneller Hilfe erfordert Kraft, die vielen Betroffenen fehlt. In bestimmten Fällen ist daher eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik sinnvoll. Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention, erklärt im Interview die wichtigsten Aspekte.

Wann ist eine stationäre Therapie bei Depression sinnvoll?

Prof. Ulrich Hegerl: Eine Depression kann lebensgefährlich werden. Wenn ein älterer Mensch nicht mehr aufsteht, nicht trinkt, nicht isst oder sich nicht bewegt, muss dieser Zustand schnell beendet werden. Auch Suizidalität ist ein häufiger Grund: Wenn sich Suizidgedanken aufdrängen oder Impulse kommen, erschrecken Betroffene oft vor sich selbst. Das schützende Umfeld einer Klinik kann Leben retten. Ein weiterer Grund ist eine schwere Depression, die auf bisherige Behandlungen mit Antidepressiva oder Psychotherapie nicht angesprochen hat. Auch wenn mehrere Erkrankungen oder Medikamente die Behandlung erschweren, ist eine engmaschige medizinische Betreuung mit Laboruntersuchungen und Überwachung nötig.

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Was können Betroffene von einem Klinikaufenthalt erwarten?

Viele sind anfangs verunsichert, doch nach ein bis zwei Tagen sind depressive Patienten oft dankbar. Sie erhalten einen strukturierten Tagesablauf, Ansprache, Betreuung und Beschäftigung. Sie liegen nicht mehr den ganzen Tag grübelnd im Bett. Zudem erkennen sie, dass sie mit ihrer Erkrankung nicht allein sind, und sehen anderen, die kurz vor der Entlassung stehen. Dies vermittelt: Es handelt sich um eine echte Erkrankung, nicht um eigene Schuld.

Erste Anlaufstellen für eine Einweisung

Die drei Hauptanlaufstellen im ambulanten Bereich sind Hausärzte, Psychiater oder psychologische Psychotherapeuten. Letztere haben eine Zusatzausbildung und können die Behandlung über die Krankenkasse abrechnen, sodass keine Kosten für den Patienten entstehen.

Ablauf in der Klinik und Therapien

In einer guten Klinik findet ein ausführliches Erstgespräch statt, um Beschwerden zu verstehen, das Suizidrisiko einzuschätzen und körperliche Erkrankungen zu erfassen. Gemeinsam wird ein Tagesprogramm erstellt: Bewegung, Diät, Beschäftigungstherapie wie handwerkliche oder kreative Angebote oder Gartenarbeit. Auch Therapiegruppen werden integriert. In manchen Kliniken wird Schlafentzug angeboten: Etwa 60 Prozent der Patienten erleben ein Abklingen der Depression am Morgen, wenn sie die zweite Nachthälfte wach bleiben. Zwar kehrt die Depression nach dem Schlaf zurück, doch die Erfahrung zeigt, dass der Zustand veränderbar ist.

Angst vor Zwängen

Grundsätzlich kann niemand gegen seinen Willen in der Klinik behalten werden, außer bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. Auch Medikamente können nicht erzwungen werden; eine Zwangsbehandlung erfordert eine richterliche Zustimmung, wenn jemand krankheitsbedingt seine Situation nicht realistisch einschätzen kann und schwere Schäden drohen.

Nach dem Klinikaufenthalt

Die Entlassung erfolgt meist, wenn die Depression weitgehend abgeklungen ist, die Medikation stabil läuft und eine ambulante Psychotherapie in Aussicht steht. Ein strukturiertes Entlassungsmanagement hilft, einen Rückfall zu vermeiden. Angehörige sollten eingebunden und informiert werden, um das veränderte Verhalten zu verstehen. Selbsthilfegruppen bieten zusätzliche Unterstützung.

Wenn Sie selbst unter Depressionen oder Suizidgedanken leiden, können Sie sich bei der Telefonseelsorge unter 0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder online unter www.telefonseelsorge.de helfen lassen. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.

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