Prof. Dr. med. Thomas Kälicke, Chefarzt und Longevity-Experte, äußert sich kritisch zum Boom der Abnehmspritzen. In seiner Klinik fragen Patienten vor Operationen routinemäßig nach der Einnahme von GLP-1-Medikamenten wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro. Überrascht zeigt er sich darüber, wie oft die Antwort inzwischen „Ja“ lautet.
Übergewicht als gesellschaftliches Problem
Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig, mit Folgen für das Gesundheitssystem: Diabetes, Herzprobleme und Arthrose nehmen zu. Gleichzeitig erleben Abnehmspritzen einen beispiellosen Boom. Viele Menschen hoffen, ihr Gewichtsproblem mit einer Spritze lösen zu können.
Kälicke beobachtet eine Verschiebung der gesellschaftlichen Debatte: Statt zu fragen, wie wir gesünder leben können, geht es immer häufiger darum, wie man an die nächste Abnehmspritze kommt. Bald werden auch Tabletten auf den Markt kommen, die ähnliche Effekte versprechen. Die Botschaft wirke denkbar einfach: Übergewicht ist eine Krankheit – und dafür gibt es jetzt Medikamente. „Genau an diesem Punkt habe ich ein Problem“, so Kälicke.
Der Unterschied zwischen Krankheit und Gewohnheit
Der Chefarzt betont: Der Unterschied zwischen „Ich habe Adipositas“ und „Ich bin adipös“ ist wichtig. Menschen mit einer Adipositas-Erkrankung brauchen Hilfe. Viele andere werden jedoch durch ungesunde Gewohnheiten adipös. „Das ist unbequem, aber entscheidend: Was durch Gewohnheiten entstanden ist, lässt sich oft auch durch neue Gewohnheiten verändern“, erklärt er.
Viele suchten schnelle Lösungen. Eine Spritze erscheine einfacher als eine Diät, eine Tablette bequemer als Sport. Doch weniger zu essen bedeute nicht automatisch, sich gesünder zu ernähren. Eine Spritze allein löse das Problem nicht.
Klinische Risiken bei Narkosen
In seiner Klinik fragen Ärzte vor Operationen inzwischen nach der Einnahme von GLP-1-Medikamenten. Der Grund: Sie verlangsamen die Magenentleerung. Dadurch steigt das Risiko, dass Patienten bei der Narkose Mageninhalt einatmen – eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation. Zudem überrascht Kälicke die Verbreitung der Medikamente: Viele Nutzer scheinen sie ohne medizinische Notwendigkeit zu verwenden.
Medikamente versus Lebensstiländerung
Eine nachhaltige Lebensstiländerung brauche Zeit und werde im Gesundheitssystem oft zu wenig unterstützt. Häufig sei ein Rezept schneller ausgestellt als ein langfristiger Plan erstellt. Die Abnehmspritze suggeriere eine Abkürzung, die es nicht gebe. Langfristige Gesundheit entstehe durch Ernährung, Bewegung, Krafttraining und ausreichend Schlaf.
Fazit: Die entscheidende Frage
Für viele Menschen mit Adipositas seien GLP-1-Medikamente ein Gewinn – wenn sie den Lebensstil unterstützen statt ihn zu ersetzen. Sie könnten helfen, die Verantwortung bleibe jedoch beim Einzelnen. Die entscheidende Frage laute: Warum bin ich adipös geworden? „Wer die Ursachen ehrlich angeht, benötigt oft weniger Medizin als gedacht. Genau darin liegt der Schlüssel zu nachhaltiger Gewichtsreduktion“, so Kälicke.



