Glitzernder Badeschaum, gesunde Snacks, Kalendersprüche zur mentalen Gesundheit: In den sozialen Medien wird Self-Care als Lifestyle gefeiert, Rückzug gilt als Zeichen von Stärke. Doch was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn „Denk auch mal an dich“ zum ständigen Leitsatz wird? Einsamkeitsforscher Dr. Janosch Schobin erklärt, warum der Hype um Selbstfürsorge Teil eines tiefgreifenden Wertewandels ist, der auf Dauer der Demokratie schaden kann.
Self-Care als gesellschaftliches Phänomen
Self-Care ist allgegenwärtig: Auf Instagram und TikTok teilen Influencer ihre Routinen mit Badeschaum, Achtsamkeitsübungen und gesunden Snacks. Der Trend suggeriert, dass Rückzug und Selbstfürsorge der Schlüssel zu einem glücklichen Leben sind. Doch Dr. Janosch Schobin, ein renommierter Einsamkeitsforscher, sieht darin eine gefährliche Entwicklung. Er warnt, dass die ständige Fokussierung auf das eigene Wohlbefinden zu einer zunehmenden Isolation führen kann.
Die Schattenseite des Self-Care-Trends
Laut Schobin ist der Hype um Self-Care Ausdruck eines tiefgreifenden Wertewandels. Während früher Gemeinschaft und Solidarität im Vordergrund standen, rückt nun das Individuum in den Mittelpunkt. Dies mag zunächst positiv erscheinen, doch auf Dauer kann es die sozialen Bindungen schwächen. „Wenn jeder nur noch an sich denkt, leidet der gesellschaftliche Zusammenhalt“, so der Forscher. Die Demokratie sei auf aktive Bürger angewiesen, die sich einbringen und Verantwortung übernehmen. Ein übermäßiger Rückzug ins Private könne daher langfristig schaden.
Wann wird Self-Care zur Einsamkeitsfalle?
Die Grenze zwischen gesunder Selbstfürsorge und schädlichem Rückzug ist fließend. Schobin betont, dass es nicht darum gehe, auf Self-Care komplett zu verzichten. Vielmehr sei es wichtig, ein Gleichgewicht zu finden. „Self-Care sollte nicht bedeuten, sich von der Welt abzukapseln. Es geht darum, sich selbst zu stärken, um dann für andere da sein zu können“, erklärt er. Problematisch werde es, wenn der Rückzug zum Dauerzustand werde und soziale Kontakte vernachlässigt würden.
Was die Forschung sagt
Studien belegen, dass Einsamkeit nicht nur das psychische Wohlbefinden beeinträchtigt, sondern auch körperliche Folgen haben kann. Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und sogar vorzeitigen Tod. Schobin verweist auf Daten, die zeigen, dass die Einsamkeitsrate in den letzten Jahren gestiegen ist – parallel zum Boom der Self-Care-Industrie. Ob dies ein direkter Zusammenhang ist, sei schwer zu beweisen, doch die zeitliche Koinzidenz sei auffällig.
Ein Plädoyer für mehr Gemeinschaft
Der Forscher plädiert daher für eine Rückbesinnung auf gemeinschaftliche Werte. Statt nur auf das eigene Wohl zu achten, sollten Menschen wieder mehr füreinander da sein. „Echte Selbstfürsorge bedeutet auch, sich um andere zu kümmern. Das stärkt nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch das eigene Wohlbefinden“, so Schobin. Er empfiehlt, Self-Care nicht als isolierte Praxis zu sehen, sondern in soziale Aktivitäten einzubetten – etwa gemeinsame Spaziergänge, Kochabende oder ehrenamtliches Engagement.
Fazit: Self-Care mit Maß
Self-Care ist kein Teufelszeug, aber der Hype birgt Risiken. Wer sich ständig zurückzieht, läuft Gefahr, in die Einsamkeitsfalle zu tappen. Dr. Janosch Schobin mahnt, dass ein gesundes Maß an Selbstfürsorge wichtig ist, aber nicht auf Kosten sozialer Bindungen gehen sollte. Die Demokratie braucht Menschen, die sich einbringen – und das geht nur, wenn wir nicht nur an uns selbst denken.



