Das Schicksal eines Lieblingsballs: Mein Tango-Trauma
1982 der offizielle Spielball der WM 1982 in Spanien: der Tango. Foto: ASA/Adidas/picture alliance/dpa. Simone Windhoff, 14.06.2026 - 14:52 Uhr.
Ich habe ihn geliebt! Ich musste um ihn kämpfen! Doch die Liebe hielt nur wenige Monate, er wurde jäh aus meinem Leben gerissen. Der Tango. Der Spielball der WM 1982 in Spanien. Den wollte ich haben! Nach dem Turnier hing ich meinen Eltern in Dauerschleife in den Ohren: Ich wünsche mir den Tango zu Weihnachten. Es war ja schon schwierig, damals als zehnjähriges Mädchen im Jungen-Fußballverein zu kicken, aber dann noch einen Ball wünschen? Reichte es denn nicht, dass ich im 1. FC Köln-Trikot zur Kinderkommunion wollte? Ginge denn nicht eine Barbie? Meine armen Eltern ...
Das DFB-Team von 1982 und der Tango. Foto: picture-alliance/dpa. Als Weihnachten 1982 das Glöckchen zur Bescherung klingelte, scannte ich während des Familienessens den Gabentisch. Den Ball würde ich natürlich auch verpackt erkennen. Während ich mir Braten und Kartoffeln reinschaufelte, wurde mein Blick immer flackeriger. Eine Kugel in grünem Weihnachtspapier war nicht zu sehen. Dann der Nachtisch, eingeatmet. Endlich schrie irgendjemand „Bescherung“. Ich checkte meine Geschwister weg und stürzte mich auf den Geschenkeberg. Mit noch von Bratensoße und Vanilleeis verklebten Pfoten riss ich die Geschenke auf: kratziger Pullover (Mist), Bücher (gut), Süßigkeiten (sehr gut) und …? UND? Nichts. Ich glaube, ich habe geheult. Und dann hatte mein Vater seinen wunderbaren Auftritt: Guck doch mal hinterm Sofa (oder im Schrank, Keller oder Garten – ich weiß es nicht mehr). Und da lag sie, die in Weihnachtspapier eingewickelte Kugel. Da war er, mein Tango! Ich glaube, ich habe geheult.
Der Tango durfte mit in mein Bett, war mein ständiger Begleiter, ich kickte jeden Tag (wir wohnten zwischen einem Fußballplatz und dem Dorffriedhof), putzte ihn; ich war so unfassbar stolz auf diesen Ball. Ich liebte ihn! Und dann kam Hilla (Name von der Redaktion geändert), die riesengroße Hündin meines Nachbarn Billie (Name von der Redaktion geändert) ... Hilla mochte auch Bälle, aber etwas anders als ich. Sie mochte es gerne, ihre überdimensionalen Zähne darin zu vergraben. Eines Tages ging ich kickend über den Dorfplatz, zeitgleich tapste Hilla gelangweilt aus der Haustür des Nachbarn. Ich spielte gerade Hochhalten, als mir der Tango wegsprang. Folgende Szenen sehe ich noch wie in Zeitlupe vor mir: Hilla kam wie vom Teufel besessen angerannt und rammte ihren riesigen Kiefer in meinen armen Tango. Ich schrie, sie biss. Sie machte innerhalb von Sekunden kurzen Prozess. Der Tango war platt, kaputtgebissen, tot. Ich habe geheult.
Haben Sie eine Meinung zu diesem Artikel? Hier können Sie uns schreiben. Haben Sie Fehler entdeckt? Dann weisen Sie uns gern darauf hin.



