Mehr deutsche Musik im Radio: CDU-Politiker fordern freiwillige Selbstverpflichtung
Mehr deutsche Musik im Radio: CDU-Politiker fordern Maßnahmen

Nur drei Prozent deutschsprachige Musik laufen heute noch im privaten Radio. 2013 waren es zehn Prozent. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist der Anteil im selben Zeitraum von 16 auf rund zehn Prozent gefallen. Das ist zu wenig, finden die Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen-Anhalt. In einem Gastbeitrag für WELT schreiben die beiden CDU-Politiker, wie sie das ändern wollen.

Musik als kulturelles Selbstverständnis

Musik ist mehr als Unterhaltung. Sie ist Sprache, Identität, kulturelles Selbstverständnis. Sie sagt uns, wer wir sind. Und deshalb müssen wir uns eine einfache, aber entscheidende Frage stellen: Wie hörbar ist dieses „Wir“ eigentlich noch? Dieser Rückgang ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis von Strukturen, die das Globale begünstigen und das Eigene leiser werden lassen. Doch was einmal galt – Johann Sebastian Bach aus Eisenach, Georg Friedrich Händel aus Halle – gilt heute genauso: Kulturelle Stärke entsteht, wenn Herkunft und Gegenwart zusammenkommen. Von Clueso aus Erfurt bis Tokio Hotel aus Magdeburg. Diese Kontinuität ist keine Nostalgie. Sie ist Argument.

Blick ins Ausland zeigt: andere Länder machen es besser

Ein Blick ins Ausland zeigt: Andere Länder gehen diesen Weg selbstbewusster. Frankreich, Kanada, Australien setzen gezielt auf die Sichtbarkeit eigener Stimmen – nicht aus Abschottung, sondern aus Überzeugung. Denn Sichtbarkeit entsteht nicht von allein. Sie ist eine Entscheidung. Und diese Entscheidung fällt heute zunehmend woanders als im Radio und im Fernsehen: in Algorithmen, in Playlist-Curation, in den Empfehlungssystemen globaler Streaming-Plattformen. Radio und Fernsehen sind Orte, an denen wir heute anfangen können – weil dort noch Menschen entscheiden. Wer die Debatte aber auf Sendeanteile verengt, redet über gestern. Die eigentliche Frage ist: Wer gestaltet die Rahmenbedingungen der digitalen Kulturwirtschaft von morgen?

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Keine staatlichen Quoten, aber Verantwortung

Für uns ist klar: Es geht nicht um staatliche Quoten. Die Rundfunkfreiheit ist ein hohes Gut. Aber hier ist der entscheidende Punkt: Die Zahlen belegen, dass dieser Rückgang das Ergebnis freiwilliger Marktentscheidungen ist – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Geschäftslogik. Deshalb reicht Appell allein nicht. Es braucht Gestaltung: neue Formate, gezielte Förderung, Kooperationsmodelle zwischen Rundfunk, Musikbranche und Festivals. Das ist keine Regulierung. Das ist Verantwortung. Und ein konkretes Bekenntnis zu dieser Verantwortung wäre eine freiwillige Selbstverpflichtung des Rundfunks, die auf mehr Sichtbarkeit abzielt – ein Ansatz, der in unserem dualen System keineswegs ungewöhnlich ist. Was wir brauchen, sind keine unverbindlichen Absichtserklärungen, sondern konkrete und nachvollziehbare Zielgrößen.

Transparenz und kulturelle Bildung

Flankiert werden sollte dies durch eine regelmäßige transparente Offenlegung über die Entwicklung des Anteils deutschsprachiger Musik im Programm. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat den gesetzlichen Auftrag, kulturelle Vielfalt abzubilden – und dazu gehört unsere Sprache. Und deshalb erwarten wir auch, dass das in Programmplanung und Formatentwicklung sichtbar wird. Private Anbieter haben die Reichweite, Talente zu entdecken, und entscheiden damit maßgeblich darüber, wie sich künstlerische Karrieren entwickeln: Wer hier sagt, der Markt entscheide, übersieht, dass Marktlogik Bekanntheit belohnt – nicht Talent. Wer nie im Radio und Fernsehen läuft, wird nicht bekannt. Die Musikwirtschaft ist stark genug, um in das zu investieren, was aus diesem Land kommt. Und die Politik kann Dialoge anstoßen, kulturelle Bildung stärken, Rahmenbedingungen setzen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Thüringen und Sachsen-Anhalt als kulturelle Vorreiter

Thüringen und Sachsen-Anhalt stehen für eine Kulturgeschichte, die weit über ihre Grenzen strahlt: Weimar und Halle – Orte, an denen deutschsprachige Kultur nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu erfunden wurde. Diese Tradition verpflichtet. Und sie gibt uns das Recht, klar zu sagen, was wir meinen. Mehr deutschsprachige Musik verdrängt keine internationale Qualität. Eine zusätzliche Stimme erweitert den Klang – sie schränkt ihn nicht ein. Gerade in einer Zeit, in der vieles globaler, schneller und austauschbarer wird, wächst das Bedürfnis nach Orientierung. Nach etwas, das bleibt. Unsere Sprache ist ein solcher Anker. Unsere Kultur ist ein solcher Anker.

Fazit: Eine Frage der kulturellen Selbstbehauptung

Sie schafft Zugehörigkeit, ohne auszuschließen. Sie stiftet Identität, ohne abzuschotten. Diese Debatte ist keine Nebensache. Sie ist eine Frage kultureller Selbstbehauptung. Nicht laut. Nicht schrill. Aber klar. Denn nur wer eine eigene Stimme hat, kann auch im Konzert der Welt gehört werden. Es liegt an uns – nicht durch Zwang, sondern durch Überzeugung –, ihr den Raum zu geben, den sie verdient.

Mario Voigt ist Ministerpräsident von Thüringen, Sven Schulze Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Der WELT-Gastbeitrag ist die Bühne für die kontroversen Debatten unserer Gegenwart. Die Stimmen, denen wir hier Raum geben, bilden nicht immer die Meinung der Redaktion ab. Wir halten sie aber für relevant und interessant genug, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nur wer verschiedene Perspektiven kennt, kann sich ein vollständiges Bild unserer Gegenwart und ihrer politischen und gesellschaftlichen Konflikte machen.