Studie: Homeoffice macht einsam und belastet die Psyche
Homeoffice: Einsamkeit und psychische Belastung belegt

Kehrseite der Heimarbeit: Einsamkeit und psychische Belastung

Als die Pandemie Millionen Beschäftigte ins Homeoffice schickte, empfanden viele dies als Befreiung: kein Pendeln, mehr Zeit für Familie, flexibleres Arbeiten. Umfragen zeigen bis heute, dass die meisten Menschen die Arbeit am heimischen Schreibtisch schätzen und sogar bereit wären, dafür auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten. Doch ein Team um die Harvard-Ökonomin Amanda Pallais hat nun im Fachjournal „Science“ eine Kehrseite dokumentiert, die in der bisherigen Debatte kaum Beachtung fand: Wer von zu Hause arbeitet, ist deutlich einsamer und psychisch belasteter. Etwa ein Drittel des allgemeinen Anstiegs psychischer Beschwerden in den USA seit Beginn der Pandemie lässt sich nach Berechnungen der Forscherinnen auf die Verlagerung der Arbeit ins Wohnzimmer zurückführen.

Vergleich zweier Arbeitswelten

Um den Effekt des Homeoffice sauber herauszurechnen, griffen die Forschenden auf fünf große, repräsentative US-Bevölkerungsbefragungen zurück, die zwischen 2011 und 2024 mehr als eine halbe Million Menschen erfasst hatten. Die extremen Pandemiejahre 2020 und 2021 klammerten sie bewusst aus. Der Kniff der Studie liegt im Vergleich zweier Berufsgruppen: auf der einen Seite Tätigkeiten, die sich problemlos vom heimischen Schreibtisch erledigen lassen – Softwareentwicklung, Marketing, Buchhaltung. Auf der anderen Seite Berufe, in denen körperliche Anwesenheit unverzichtbar ist – Pflegekräfte, Maschinenbauingenieurinnen, Handwerker. In der ersten Gruppe stieg der Homeoffice-Anteil nach der Pandemie sprunghaft und blieb hoch: 2024 verbrachten diese Beschäftigten knapp ein Drittel ihrer Arbeitstage vollständig zu Hause. In der zweiten Gruppe veränderte sich kaum etwas. Indem die Forscherinnen die Entwicklung beider Gruppen vor und nach der Pandemie gegenüberstellten, konnten sie den Effekt der Heimarbeit aufzeigen – ohne dass die Ergebnisse davon verzerrt werden, welche Persönlichkeiten sich aus eigenem Antrieb fürs Homeoffice entscheiden.

Eine zusätzliche Stunde Einsamkeit pro Tag

Der typische Homeoffice-Arbeitstag verläuft einsam, so belegte es die Befragung: 84 Prozent der Beschäftigten verbrachten ihn vollständig ohne menschlichen Kontakt – im Büro waren es nur 23 Prozent. Und der Verlust an Kontakten wird nach Feierabend nicht etwa ausgeglichen: Im Gegenteil, die abendlichen Treffen mit Freunden gingen sogar zurück. Wer den Tag bereits zu Hause verbracht hat, scheint sich seltener noch einmal aufzuraffen. Besonders hart trifft es Menschen, die allein leben. Rechnerisch kommt bei ihnen alle zwei Wochen ein zusätzlicher Tag hinzu, an dem kein einziges Gespräch stattfindet, kein Gruß, kein Blickkontakt – eine Zunahme um 83 Prozent gegenüber der Zeit vor der Pandemie.

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Die psychische Quittung

Parallel zur wachsenden Einsamkeit verschlechterte sich die seelische Verfassung – allerdings ungleich verteilt. Gemessen wurde sie unter anderem mit dem etablierten Kessler-6-Fragebogen, der Symptome wie Hoffnungslosigkeit, Nervosität oder das Gefühl, dass alles eine Anstrengung sei, abfragt. Die Werte stiegen in den Jahren seit der Pandemie im Schnitt bei allen Gruppen an. Bei den Menschen mit den heimarbeitstauglichen Berufen stärker, und ganz besonders bei den alleinlebenden Menschen. Die Verschlechterung zeigt sich auch in Zahlen aus dem Gesundheitssystem: Beschäftigte in Homeoffice-Berufen suchten nach der Pandemie deutlich häufiger psychotherapeutische Hilfe und bekamen häufiger Antidepressiva oder Angstmedikamente verschrieben. Bei Alleinlebenden verdoppelte sich dieser Effekt noch einmal. Dass es sich tatsächlich um eine seelische Belastung handelt und nicht etwa um den Nebeneffekt, dass man im Homeoffice einfach leichter zum Arzt geht, prüften die Forscherinnen mit einer eleganten Kontrolle: Verschreibungen für körperliche Leiden – etwa Cholesterinsenker – nahmen in beiden Gruppen gleich zu.

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Expertenstimmen und Übertragbarkeit auf Deutschland

Die Magdeburger Soziologin Heike Ohlbrecht hält die methodische Anlage der Studie für überzeugend, mahnt aber zur Vorsicht bei der Deutung als reinem Kausalbeweis: Statistische Zusammenhänge sagten noch wenig über das konkrete Erleben oder über Unterschiede zwischen Milieus und Lebenslagen aus. Bemerkenswert sei vor allem, dass sich die stärksten Effekte bei Alleinlebenden zeigen. „Dadurch rückt eine bislang häufig vernachlässigte Frage in den Mittelpunkt: Welche Bedeutung hat der Arbeitsplatz als Ort sozialer Integration für Menschen, deren soziale Beziehungen außerhalb der Arbeit begrenzter sind?“, so Ohlbrecht. Bislang dominierte in der Forschung der Befund, dass Heimarbeit die Zufriedenheit erhöht und die Kündigungsneigung senkt. Dass es eine psychische Schattenseite gibt, war zwar aus einzelnen Umfragen bekannt, ließ sich aber nie überzeugend vom allgemeinen Pandemiestress trennen. Die neue Arbeit liefert dafür erstmals belastbare Zahlen über einen langen Zeitraum – und sie deutet darauf hin, dass die Beschäftigten die langfristigen Kosten ihrer Arbeitsform offenbar unterschätzen. Kurzfristig erleben sie die gewonnene Flexibilität, die schleichend wachsende Vereinsamung wird erst über Monate spürbar.

Bedeutung für die deutsche Debatte

Die Befunde sind auch für die Debatte in Deutschland – etwa über Rückkehrpflichten ins Büro oder hybride Modelle – aufschlussreich, auch wenn die Daten ausschließlich aus den USA stammen. Auch in Deutschland hat sich die Zeit im Homeoffice auf hohem Niveau eingependelt: Der Anteil der Beschäftigten, die zumindest gelegentlich von zu Hause arbeiten, hat sich durch die Pandemie nahezu verdoppelt. Laut ifo-Konjunkturumfrage waren es im Februar 2026 rund 24 Prozent – mit Spitzenwerten von über 76 Prozent bei IT-Dienstleistern. Nico Dragano, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, hält die Ergebnisse der US-Studie für gut übertragbar, da sich die Arbeitswelten beider Länder nicht grundlegend unterschieden. Entscheidend sei aber der Kontext: wie gut Beschäftigte privat sozial eingebunden sind und wie aktiv Arbeitgeber ihre Heimarbeitenden begleiten. „Daher sollten Betriebe auch aktiv gestalten und nicht einfach ‚laufen lassen‘“, so Dragano. Die Autorinnen der US-Studie plädieren nicht für eine Rückkehr zur reinen Präsenzarbeit, sondern dafür, die Einsamkeitskosten in betriebliche und politische Entscheidungen einzubeziehen – besonders mit Blick auf jene Beschäftigten, die niemanden haben, der abends auf sie wartet.