Noch vor einem Jahr wäre das für Andrea Ceccolini kaum vorstellbar gewesen. Heute steht er auf dem arktischen Meereis bei Cambridge Bay in Kanada und zeigt auf eine Grenze. Auf der einen Seite ist blaues Schmelzwasser, auf der anderen strahlend weißes Eis. „Das ist wirklich unglaublich“, sagt Ceccolini der englischen Zeitung „The Guardian“. Der Grund ist ein ungewöhnliches Experiment seiner Firma Real Ice. Mit Unterstützung der britischen Regierung pumpten Forscher im Winter 50.000 Tonnen Meerwasser auf das Eis. Das Wasser fror bei einer Außentemperatur von minus 40 Grad Celsius sofort und machte die vorhandene 1,5-Meter-Eisdecke rund 50 Zentimeter dicker.
Arktis verliert seit Jahrzehnten Eis
Die Arktis verliert seit Jahrzehnten Eis. Die sommerliche Eisfläche ist in den vergangenen 45 Jahren um etwa 40 Prozent geschrumpft. Wissenschaftler befürchten, dass das Sommer-Eis bereits in den 2030er-Jahren verschwunden sein könnte. Das zusätzliche Eis von Real Ice scheint die Schmelze zumindest vorerst zu bremsen. Satellitenbilder zeigen die Testfläche als weiße Insel in einer zunehmend blauen Umgebung.
Inuit erleben Klimawandel hautnah
Rund 83 Prozent der Einwohner sind Inuit. „Für uns ist das Eis überlebenswichtig“, sagt Kyle Weese (34). Das Eis werde für Transport, Fischfang und die Jagd genutzt. Er beobachtet die Auswirkungen des Klimawandels seit Jahren: „Das Eis wird immer dünner, wenn es friert, braucht es länger als früher wieder zu frieren. Dafür geht die Schmelze dann schneller. Das verändert sich alles definitiv.“
Unterwasser-Drohnen als Zukunftsplan
Real Ice untersucht nun, ob sich die Methode großflächig einsetzen lässt. Statt Menschen auf das Eis zu schicken, setzt das Unternehmen auf autonome Unterwasser-Drohnen. Ein erster Prototyp wurde bereits in Finnland getestet. Das Projekt ist allerdings umstritten. Kritiker warnen vor möglichen Umweltrisiken und davor, dass das sogenannte Geo-Engineering, der technische Eingriff ins Klima, von der Senkung der CO₂-Emissionen ablenken könnte.
Professor Shaun Fitzgerald (60) von der University of Cambridge hält weitere Forschung in der Arktis dennoch für wichtig: „Es wäre genau das Richtige.“ Auch Ceccolini will unbedingt weiterforschen. „Wir müssen die wichtigen Fragen beantworten: Ist unsere Methode wirklich effektiv, gibt es ungewünschte Auswirkungen und ist es wirtschaftlich skalierbar?“



