Wohnen für Hilfe: Eine besondere Wohngemeinschaft in Nattwerder
In Nattwerder bei Potsdam haben ein Student und ein Rentner eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft gefunden. Leo Kiepisch, 26 Jahre alt, wohnt bei Bernd Mauerhof, 73, und zahlt nur 150 Euro Miete. Im Gegenzug hilft er etwa zehn Stunden pro Monat im Haushalt und Garten. Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ bringt sie zusammen und könnte laut Experten ein Zukunftsmodell sein.
Ein Glücksfall für beide Seiten
Leo Kiepisch studiert in Potsdam und war zuvor frustriert über die lange Pendelzeit aus seiner Heimatstadt Herzberg. „Ich musste eineinhalb bis zwei Stunden pro Strecke fahren“, erzählt er. Durch den Tipp seiner Cousine aus Karlsruhe, wo das Projekt seit 2008 läuft, fand er die WG. „Für mich ist es wie ein Sechser im Lotto“, freut sich der Student. Auch Bernd Mauerhof profitiert: „Ich kann dank der Hilfe den Standard auf dem Hof und im Garten halten – ohne sie müsste ich die Rasenfläche vergrößern.“
Erfolgreiche Wohnpartnerschaften
Das Studierendenwerk West:Brandenburg startete das Projekt 2020 und hat seitdem mehr als 80 solcher Partnerschaften vermittelt. „Das entspricht der Größenordnung eines kleinen Wohnheims“, sagt Sprecherin Josephine Kujau. Die durchschnittliche Pauschalmiete in Potsdam liegt bei über 300 Euro, auf dem freien Markt oft deutlich höher. „Bei erfolgreichen Wohnpartnerschaften profitieren beide Seiten: Ältere Menschen können länger in ihrer vertrauten Umgebung wohnen bleiben, während Studierende günstigen Wohnraum erhalten und sich stärker auf ihr Studium konzentrieren können“, so Kujau.
Alltag in der WG: Von Tomatenpflanzen bis Feuerholz
Leo Kiepisch ist gelernter Forstwirt und hilft im Garten: „Im Winter hacken wir Feuerholz, im Frühling arbeite ich im Garten, zur Kirschenzeit ernte ich mit.“ Die Aufgaben sind vielfältig, aber pflegerische Leistungen sind ausgeschlossen. „Es ist kein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis, sondern basiert auf solidarischem Miteinander“, erklärt Kujau. Bernd Mauerhof hat bereits mehrere Mitbewohner gehabt: „Für mich ist es fast durchgehend eine gute Erfahrung gewesen.“
Potenzial für die Zukunft
Der Experte Daniel Furhop sieht in dem Modell Potenzial: „In Brüssel werden jährlich 450 junge Menschen mit Älteren vermittelt – fast so viele wie in ganz Deutschland. Mit professioneller Organisation könnten hierzulande bis zu 30.000 junge Menschen Wohnraum finden.“ Auch der Verein „FORUM Gemeinschaftliches Wohnen“ sieht Chancen, betont aber, dass bei Pflegebedürftigkeit Grenzen erreicht werden. In Berlin scheiterte ein ähnlicher Versuch wegen hohem Aufwand und geringer Vermittlungszahlen. In Potsdam hingegen ist das Projekt erfolgreich: „Wir gehen davon aus, dass das Modell weiter an Relevanz gewinnen wird“, sagt Kujau.



