Stromausfall in Reutlingen: Verdacht auf Brandstiftung mit linksextremem Hintergrund
Stromausfall Reutlingen: Brandstiftung mit linksextremem Hintergrund

Nach einem großflächigen Stromausfall in Reutlingen gibt es Hinweise auf eine gezielte Brandstiftung in einem Umspannwerk. Wie ein Sprecher von Netze BW mitteilte, wurden drei Brandstellen entdeckt, zudem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt worden. Die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin und weise Parallelen zu ähnlichen Taten in Berlin auf, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gibt es nicht.

Ermittlungen in alle Richtungen

Bestätigt ist ein Anschlag bislang nicht. Die Polizei ermittelt, auch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg ist eingebunden. „Wir beziehen ein, ob es eventuell ein technischer Defekt sein könnte oder eine Brandlegung, eventuell fahrlässig oder auch vorsätzlich“, sagte Tina Rempfer vom Polizeipräsidium Reutlingen. Oberster Schwerpunkt der Spezialisten vor Ort sei die Ursachenforschung. Ein Brandmittelspürhund ist ebenfalls im Einsatz, um mögliche Brandbeschleuniger zu erschnüffeln.

Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg teilte mit, dass derzeit keine weiterführenden Erkenntnisse zur mutmaßlichen Brandstiftung vorliegen. „Bislang wurden noch keine Bekennerschreiben veröffentlicht“, so eine Sprecherin. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen.

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Brand in der Nacht

In der Nacht hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt, sodass dieses ausfiel und eine weitere Anlage in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Chef der Stadtwerke wurde zum Augenzeugen: Er sei um 1.40 Uhr aufgewacht und habe gesehen, dass der Strom weg war, schilderte Jens Balcerek. „Ich bin dann auf den Balkon gegangen und hab dann nur filmen können von vier Kilometern Entfernung, wie das Umspannwerk abgebrannt ist.“

Die Folgen waren enorm: Zehntausende Menschen waren zunächst ohne Strom, auch ein Krankenhaus war betroffen. Der entstandene Schaden wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Auf der Plattform X kursiert ein Video, das den nächtlichen Vorfall zeigen soll – aufgenommen aus einer benachbarten Gemeinde. Zu sehen sind unter anderem Lichtblitze, zu hören sind Explosionsgeräusche.

Einsatzkräfte im Großeinsatz

In der Nacht waren knapp 200 Kräfte der Feuerwehren im Einsatz, sagte Vize-Feuerwehrchef Matthias Hertler. Am Vormittag seien noch etwa halb so viele Einsatzkräfte mit den Folgen befasst. Der Brand sei seit etwa 5.00 Uhr gelöscht. Gegen 4.45 Uhr sei eine außergewöhnliche Einsatzlage ausgerufen worden.

7.600 Haushalte weiter ohne Strom

Am Morgen waren Teile der Kernstadt wieder mit Strom versorgt, darunter auch das Krankenhaus. Aber diverse Stadtteile und umliegende Gemeinden seien nach wie vor ohne Strom, sagte Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) bei einer Pressekonferenz. Darunter seien der größte Stadtbezirk Betzingen mit mehr als 11.000 Einwohnern und der Stadtbezirk Ohmenhausen mit etwa 5.000 Einwohnern sowie ein Industriegebiet. In ganz Reutlingen leben gut 117.000 Menschen.

7.600 Haushalte seien noch ohne Strom, sagte der Rathauschef. Rund 30.000 Menschen seien betroffen. „Das ist eine prekäre Situation“, sagte Keck. „Sowas hat man Gott sei Dank nicht alle Tag.“

Noch ist unklar, wann wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden. Die Behörden rechnen aber wohl nicht allzu bald damit. Für die Nacht solle ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagte Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen zum Beispiel ihr Handy aufladen oder Babynahrung erwärmen können. Ziel sei es, die Einschränkungen für die Menschen so gering wie möglich zu halten.

Für einige Kitas werde für Dienstag eine Notbetreuung organisiert, sagte Wintzen. Informationen dazu sowie zu weiteren Themen gibt es im Laufe des Tages auf den Internetseiten der Stadt.

Netze BW und die Fairnetz GmbH, der Strom- und Gasnetzbetreiber in der Region Reutlingen, teilen sich das Umspannwerk den Angaben nach. Dem Sprecher zufolge leistet Netze BW Amtshilfe beim Wiederaufbau der Stromversorgung.

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Parallelen zu Berliner Anschlägen

Der Vorfall erinnert an zwei mutmaßlich linksextremistische Brandanschläge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren wieder alle Haushalte am Netz.

Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt. Damals herrschte eisige Kälte und es lag Schnee – und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels.

In der Hauptstadt läuft seit den beiden Anschlägen eine intensive Debatte über mehr Sicherheit für die Stromversorgung. Das Land Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch zu verlegen. Derzeit gilt das für 99 Prozent. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin investiert dieses Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz, um weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur zu verhindern. Zudem wird daran gearbeitet, mehr georedundante Leitungen zu verlegen – also Kabel mit derselben Aufgabe an einem anderen Ort.