Die Zahl der Einbürgerungen in Berlin ist im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 80 Prozent auf 39.000 gestiegen. Grund dafür ist die Liberalisierung des Staatsangehörigkeitsrechts durch die Ampel-Regierung sowie die Zentralisierung und Digitalisierung der Verfahren in Berlin. Das Landesamt für Einwanderung (LEA) übernahm 2024 die Zuständigkeit für Einbürgerungen und erbte dabei 40.000 offene Anträge. Der starke Anstieg erklärt sich teilweise durch die Abarbeitung dieses Rückstaus.
Kritik von Konservativen und Rechten
Für Konservative und die politische Rechte ist dies ein Dorn im Auge. Der deutsche Pass werde „verscherbelt“, sagte Berlins AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker kürzlich auf einer Wahlkampfveranstaltung. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) äußerte sich im vergangenen Jahr ähnlich. Engelhard Mazanke, Leiter des LEA, teilt diese Kritik nicht. Er bezeichnet den Anstieg der Zahlen als „unglaublichen Erfolg“. Wer das ändern wolle – ob von links oder rechts –, könne das in einem Rechtsstaat einfach per Gesetz tun, sagt er nüchtern. Als Behördenleiter setze er lediglich das geltende Recht um.
Dennoch gibt Mazanke – der mit Kniebundhosen, Tweedjacke und Fliege äußerlich an einen britischen Gutsherrn erinnert – eine Einschätzung ab. Der Anstieg der Einbürgerungen sei „ein großer Vorteil“. „Dadurch binden wir Menschen an uns, die sich in dieser Stadt erfolgreich integriert haben: die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, ihre Kinder zur Schule schicken, den Einbürgerungstest bestanden haben und die Sprache sprechen.“ Jeder, der in Berlin nach diesem Integrationsgrad Deutscher werde, sei gut für die Stadt.
Bedeutung der Einbürgerung
Mazanke weiß, welche Bedeutung die Einbürgerung haben kann. Sie sei eine „Bestätigung eines gelungenen Lebens“ und werde „wie eine Heirat“ erlebt. Diese Freude motiviere auch seine Mitarbeiter. Schließlich sähen sie nur die positiven Fälle. „Und nicht die anderen Fälle, die es auch gibt: die Menschen, die scheitern. Weil ihr Asylverfahren negativ ausgeht. Weil sie es nicht schaffen, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten oder weil sie Straftaten begehen.“
Die Berliner Morgenpost sprach mit neu Eingebürgerten in der Eingangshalle des LEA. Sie erzählten vom Pauken der Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung, von der Entwicklung einer neuen Persönlichkeit in Deutschland und vom Stolz auf das Erreichte. Aber sie sprachen auch darüber, dass sie immer noch nicht damit rechnen, auf der Straße als Deutsche erkannt zu werden – und über ihre Sorgen angesichts des Aufstiegs der AfD für ihre eigenen Familien.
Amrit Sankar Narayan: „Ich muss mir die Karten legen“
Amrit Sankar Narayan (36) fühlt sich „ein bisschen komisch“. Für ihn bedeutet die neu erworbene deutsche Staatsbürgerschaft den Verlust seiner indischen. Trotzdem ist er glücklich. „Es ist der Beweis, dass ich mir hier ein Leben aufgebaut und mich etabliert habe.“ Narayan kam 2013 aus Indien nach Berlin, um Bau- und Immobilienmanagement zu studieren. Der 36-Jährige lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Prenzlauer Berg. Seit 2015 arbeitet er für eine Immobilieninvestmentfirma. „Ich identifiziere mich mit Deutschland“, sagt Narayan. „Aber mal sehen, wie es weitergeht“, fügt er hinzu. „Ich mache mir ein bisschen Sorgen um die politische Situation und muss mir die Karten legen, wie es weitergeht. Ich weiß nicht, was es für mich und meine Familie bedeutet, wenn die AfD an die Macht kommt. Als ich nach Deutschland kam, waren Ausländer noch willkommen. Aber jetzt kippt es ein bisschen. Ich mache mir besonders Sorgen um meinen Sohn.“
Milica Pecanac Neskovic: „Hier bin ich erwachsen geworden“
„Ich bin dankbar, dass alles, was ich investiert habe, jetzt anerkannt wird“, sagt Milica Pecanac Neskovic (32). „Es ist nicht einfach, in ein neues Land zu kommen. Deutsch lernen, den Abschluss anerkennen lassen – das erfordert viel Mühe und Zeit. Jetzt habe ich eine Ausbildungsstelle und eine Approbation als Zahnärztin.“ Neskovic hat das Gefühl, dass das, was sie investiert hat, jetzt zu ihr zurückkommt. 2018 kam sie aus Serbien nach Deutschland. Ihr Mann war bereits einige Jahre hier. Ihre Tochter wurde in Berlin geboren. „Ich habe zwei Persönlichkeiten, eine serbische und eine völlig andere hier“, sagt Neskovic. „Ich schätze es sehr, dass ich etwas Neues in mir entdeckt habe. In Serbien war ich eine junge Frau. Hier bin ich erwachsen geworden.“
Abeer Badlah: „Ein schönes Gefühl, dazuzugehören“
„Es ist ein bisschen komisch, weil ich jetzt drei Identitäten habe: syrisch, türkisch und deutsch.“ So fasst die 15-jährige Abeer Badlah ihre Gefühle zusammen. „Schon vorher wusste ich nicht, was ich sagen soll, wenn ich gefragt wurde, wo ich herkomme, weil ich zwei Antworten hatte. Und jetzt habe ich drei.“ Badlah wurde in Syrien geboren. Mit drei Jahren floh sie mit ihren Eltern in die Türkei. Mit neun Jahren kamen sie nach Berlin. Heute leben sie in Lankwitz. Ihr Vater arbeitet als IT-Ingenieur. Sie möchte nach dem Schulabschluss Medizin studieren. „Ich liebe Deutschland, wirklich. Es ist ein schönes Gefühl, dazuzugehören.“
Suzan Youssef: „Kaum zu beschreiben, aber super glücklich“
Es sei ein „unglaubliches Gefühl“, sagt Suzan Youssef (44), kurz nachdem sie Deutsche geworden ist. Das Gefühl sei „kaum zu beschreiben“, aber sie sei „super glücklich“. Kurz nach ihrer Einbürgerung ist Youssef sichtlich bewegt. Ihre zitternden Hände und leuchtenden Augen zeigen, was dieser Tag für sie bedeutet. Sie kann genau sagen, wie lange sie darauf gewartet hat. Vier Monate und elf Tage sind vergangen, seit sie ihren Antrag eingereicht hat. Youssef heiratete einen Deutschen und kam 2018 aus Ägypten nach Berlin. Seitdem bedeutete der Umgang mit den Papieren und das Deutschlernen viel Arbeit. Jetzt kann sie Teil der deutschen Gesellschaft werden. Darauf ist sie „sehr stolz“.
Viktoriia Prokopchuk: „Wie ein zweiter Geburtstag“
Viktoriia Prokopchuk (46) atmet ganz tief durch, als sie nach der Einbürgerungsfeier die Urkunde in der Hand hält. Sie und ihre Familie kommen aus Kiew. Bevor sie 2019 nach Deutschland kamen, lebten sie in Israel. Sie zogen für die Arbeit nach Berlin. Viktoriia arbeitet als Softwareentwicklerin, ihr Mann Dimitro (46) als Feinmechaniker. Ihr Sohn Yakiv (11) geht zur Schule. Ihre Tochter Mariia (21) studiert Jura und arbeitet seit kurzem als Protokollführerin am Amtsgericht Tiergarten. „Für mich bedeutet die Einbürgerung viel, weil ich Richterin werden will“, sagt Mariia. Der heutige Tag fühle sich für sie „wie ein zweiter Geburtstag“ an. Wie feiert die Familie heute? „Auf der Arbeit“, sagt Dimitro lachend. „Spätschicht.“
Yulia Yurchenko: „Fast wie eine Hochzeit“
Im Flur vor dem Raum, in dem Yulia Yurchenko (29) eingebürgert wird, ist lautes Jubeln und Klatschen zu hören. Yurchenko kam 2020 aus Moskau für ihren Master in Sozialwissenschaften nach Berlin. Zuvor hatte sie viereinhalb Jahre intensiv Deutsch gelernt. „Ich wollte vorbereitet sein.“ Der heutige Tag sei „eine wichtige Anerkennung“. Sie habe nicht erwartet, dass die Zeremonie so feierlich sein würde. Es war „fast wie eine Hochzeit“. Vier Freunde begleiteten sie – und schenkten ihr „einen richtigen deutschen Geschenkkorb“: Spargel, Zwieback und Gewürzgurken. Und natürlich eine Kartoffel. Eine ihrer Freundinnen kommt aus der Ukraine. Yurchenko geht oft mit ihr zu Protesten gegen Putin und den Krieg in der Ukraine. „Ich bin jetzt Bürgerin eines demokratischen Landes, in dem meine Stimme wirklich zählt.“
Mehmet Gökkaya: „Ich bin jetzt offiziell eine Kartoffel“
Mehmet Gökkaya (33) kommt aus der Türkei, lebt seit sechs Jahren in Berlin, arbeitet seit fünf Jahren als Bauleiter – und sagt wenige Sekunden nach der Einbürgerung: „Ich bin jetzt offiziell eine Kartoffel.“ Der 33-Jährige freut sich, dass er jetzt weniger Stress mit Papierkram hat und dass bestimmte Dinge im Alltag, wie die Wohnungssuche, jetzt einfacher für ihn werden. Ansonsten mache die Einbürgerung für ihn keinen großen Unterschied. „Ich lebe sowieso schon wie die meisten Deutschen.“ Gökkaya ist überrascht, wie schnell und digital der Einbürgerungsprozess war. „In unserem Büro benutzen wir immer noch ein Fax.“ Heute kann er nicht groß feiern. Gökkaya muss zur Arbeit. Aber es wird eine kleine Party mit seinen Kollegen im Büro geben.
Lucia Miranda: „Nostalgisch“
Lucia Miranda (37) möchte diesen Tag mit ihrer besten Freundin feiern. Beide kamen aus Mexiko nach Deutschland und haben den Einbürgerungstest zusammen gemacht. „Getränke“ und ein „gutes deutsches Essen“ sind zur Feier des Tages geplant. „Schweinshaxe und Kartoffeln.“ Miranda lacht, fühlt sich aber auch „nostalgisch“. Ihre Einbürgerung markiert das Ende einer langen Reise. „Meine Heimat, meine Freunde, meine Familie hinterlassen.“ Seit einem Praktikum in Deutschland wusste sie, dass sie hier leben wollte. Sie verschickte rund 1.000 Bewerbungen, bevor sie endlich einen Job in der Personalabteilung bei Zalando bekam. „Ich kam nach Berlin wegen einer besseren Lebensqualität. In Mexiko gibt es nicht viele Möglichkeiten. Die Lebensqualität wird immer schlechter, und es gibt Sicherheitsprobleme.“
Armin Zafari: „Auf dem Papier bin ich jetzt Deutscher, aber auf der Straße noch nicht“
„Auf dem Papier bin ich jetzt Deutscher“, sagt Armin Zafari (40). „Auf der Straße noch nicht, denke ich.“ Es sei nicht einfach, von anderen als Deutscher akzeptiert zu werden. In den USA, wo der gebürtige Iraner lange lebte, fragten ihn die Leute nur sehr selten, woher er „ursprünglich“ komme. „Hier in Deutschland werde ich immer danach gefragt.“ Zafari ist gelernter Architekt, arbeitet aber als Projektkoordinator. Er fühle sich deutsch, sagt er. „Ich bin ein sehr präziser Mensch und mag die Kultur in Deutschland. Man kann Deutschen wirklich vertrauen.“
Mustafa Aras: „Stolz, in einem so demokratischen Land zu leben“
Mustafa Aras (46) hat ein breites Grinsen im Gesicht. Er lebt seit sechs Jahren in Berlin. 2020 kam er mit seiner Frau und seiner Tochter aus Izmir in der Türkei. Dort arbeitete er als Geschichts- und Geographielehrer. Aber dann konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Auf die Frage nach dem Grund sagt Aras nur zwei Worte: „Tayyip Erdogan.“ Aras ist ein Anhänger der Gülen-Bewegung, benannt nach dem Prediger Fethullah Gülen, dessen Anhänger in der Türkei seit einem gescheiterten Militärputschversuch 2016 unter Druck stehen. Kurz nach seiner Einbürgerung sagt Aras: „Es macht mich sehr stolz, in einem so demokratischen Land zu leben.“
Mariya Shchurova: „Ich habe die Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung die ganze Nacht gepaukt“
Mariya Shchurova (28) hat sehr wenig geschlafen. „Ich habe die Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung die ganze Nacht gepaukt.“ Sie kam 2020 aus Russland nach Berlin. Jetzt, ein Jahr nach der Beantragung der Einbürgerung, ist die deutsche Staatsbürgerschaft eine große Erleichterung für sie. Shchurova arbeitet als Programmiererin für Online-Kartenspiele: „klassische deutsche Spiele wie Doppelkopf, Schafkopf und Skat.“ Der Job sei geistig sehr anstrengend. „Aber ich musste weitermachen, um den Einbürgerungsprozess nicht zu verzögern.“ Jetzt möchte sie in Teilzeit wechseln. Shchurova kam nach Berlin, weil sie sich während eines zweimonatigen Besuchs Anfang zwanzig in die Stadt verliebte. „Da wusste ich, dass ich unbedingt hier leben muss“, sagt sie. „Das ist möglich, ich kann es schaffen. Und jetzt habe ich es geschafft.“
Ornella Habila: „Meine neue Heimat Deutschland“
Während ihr Sohn Kian am Geländer am Eingang des LEA klettert, sagt Ornella Habila (38), sie habe Angst gehabt, einen Fehler zu machen oder etwas Falsches zu sagen. 2021 kam sie aus Albanien nach Berlin; ihr Mann lebt schon länger in der Hauptstadt. Inzwischen halte sie es in ihrer alten Heimat nicht länger als zwei Wochen aus, sagt sie, weil sie Heimweh bekomme. „Dann vermisse ich meine neue Heimat Deutschland zu sehr.“ Was ihr besonders gefällt, sind die Architektur, die öffentlichen Verkehrsmittel und die Sauberkeit. Habila hat ihren Einbürgerungsantrag vor zwei Monaten gestellt. Zum Feiern gehen sie in ein Restaurant und dann auf den Spielplatz.
Amanda Chew: „Es betrifft mich auch“
„Ich fühle mich jetzt nicht anders oder so“, sagt Amanda Chew kurz nach ihrer Einbürgerung. Die 20-Jährige wurde in Detroit geboren, lebt aber seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland. Ihre Familie zog wegen der Arbeit ihres Vaters nach Baden-Württemberg – er ist Ingenieur. Gestern Abend war sie sehr aufgeregt. Sie las ein Informationsblatt mehrmals. „Meine Geschwister und der Rest meiner Familie haben mir erzählt, dass sie ordentlich ausgefragt wurden.“ Anders als in Baden-Württemberg war das Verfahren in Berlin jedoch schnell erledigt. „Ich kam an, musste ein paar Dinge unterschreiben, und dann war ich Deutsche.“ Das Einzige, was sich für sie wirklich ändert, ist, dass sie jetzt wählen darf. Es sei frustrierend gewesen, dass sie bisher keine Stimme abgeben durfte. „Es betrifft mich auch.“



