„Ich schlafe einfach weniger, damit ich in die Uni kann“: Studierende rechnen vor, wie viel Geld und Zeit sie haben. Ob mit oder ohne Bafög: Etwa zwei Drittel aller Studierenden in Deutschland haben einen Nebenjob. Sechs von ihnen haben für uns offengelegt, wie sie durch den Monat kommen, was Luxus für sie bedeutet – und wofür sie gern mehr Zeit hätten.
Die Realität vieler Studierender
Es sei „kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben“, sagte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär kürzlich in einem Interview. Hintergrund ist die für den Herbst geplante Bafög-Reform, die nun wieder auf der Kippe steht. Für viele Studierende eine schlechte Nachricht: Schon jetzt reicht das Bafög oft nicht aus, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Zwar beziehen nur etwa elf Prozent der deutschen Studierenden das staatliche Darlehen. Und etwa 70 Prozent derer, die Anspruch darauf hätten, beantragen es laut einer Studie gar nicht erst. Ein reformiertes, also höheres und schneller zu erhältliches Bafög, würde junge Menschen deutlich entlasten, argumentieren Verbände und Hochschulgruppen. Fest steht: Um Miete, Lebensmittel und andere Ausgaben zu bezahlen, arbeitet die große Mehrheit der Studis – auch von denen, die Bafög beziehen. Der Nebenjob kann bei einem intensiven Studium belastend sein, was sich nicht nur auf Uni-Leistungen auswirkt. Wir haben Studierende gefragt: Wie kommt ihr durch den Monat?
Jonas, 33, Master Versorgungswissenschaften an der Universität Köln
Jeden Morgen geht mein erster Blick auf meine Nachrichten und danach auf mein Bankkonto. Ich schaue auf die Zahl und prüfe, ob ich noch oberhalb der Null bin. Die Armut ist die ganze Zeit präsent. Aktuell bekomme ich etwa 700 Euro elternunabhängiges Bafög und 300 Euro über das Deutschlandstipendium. Neben dem Studium arbeite ich in der Gesundheits- und Krankenpflege und verdiene dort 600 Euro. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist schwierig. In meinem Job an der Uniklinik gibt es die Herausforderung, dass die Dienstpläne zum Teil drei Monate im Voraus erstellt werden. Zu dem Zeitpunkt habe ich die Termine vom Semester oft noch gar nicht. Dadurch kann ich an Uni-Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht manchmal nicht teilnehmen. Die Arbeit an sich ist auch mental und körperlich sehr belastend, inklusive des Schichtdienstes. Das schmälert meine Leistungsfähigkeit und was ich für die Uni liefern kann. Dazu kommen noch Haushalt und Care-Arbeit in der Familie. Ich bezahle 650 Euro für Miete und mit Mitte 30 ist der Beitrag zur Krankenkasse höher. Obendrauf kommen Essen, Handyvertrag und Zugtickets, um meine Familie in Baden-Württemberg zu besuchen. Besonders schwierig wird es, wenn der Semesterbeitrag fällig ist. Am Ende des Monats gibt es dann die bekannten Spaghetti mit Tomatensoße. Wenn das Bafög und das Stipendium ausgezahlt werden, gehe ich vielleicht einmal in die Sauna oder kaufe ein paar Kleinigkeiten bei Edeka ein. Ich würde gern genug Geld haben, um mich hundertprozentig auf mein Studium zu konzentrieren.
Jessica, 26, Master Economics an der Uni Köln
Von meinem Job als Werkstudentin bin ich finanziell abhängig. Ich arbeite während der Vorlesungszeit 20 Stunden in der Woche und verdiene 19 Euro pro Stunde. Damit bezahle ich meine Miete, meine studentische Krankenversicherung, und alles, was zum Leben dazugehört. Zum Glück kann ich damit auch etwas von meinem Studienkredit abbezahlen, den ich zwischen dem Bachelor- und Masterstudium aufgenommen habe. Da der Nebenjob zu meinem Studiengang passt, gebe ich hier 100 Prozent. Ich möchte dort so viel lernen, wie es geht. Mit einem geplanten Auslandssemester gehe ich von einer Studienzeit von dreieinhalb bis vier Jahren aus. Die Regelstudienzeit beträgt zwei Jahre. Obwohl ich bei meinem jetzigen Job meine Stunden frei planen kann, wähle ich meine Studienfächer strategisch. Ich belege Kurse, die keine Anwesenheitspflicht haben, weil ich meinen Job nicht abwählen kann. Dazu kommen mein Ehrenamt und mein Privatleben. Das kann ich aber alles gut miteinander vereinbaren. Mit mehr Geld würde ich auf jeden Fall meine Familie öfter besuchen. Meine Oma wohnt 12.000 Kilometer weit weg und die Flüge kosten mindestens 800 Euro. Ich würde auch gern ein paar Kurse machen, um meine Hard Skills zu erweitern, etwa im Programmieren.
Jannis, 21, Bachelor Informations- und Kommunikationstechnik an der HTW Berlin
Zum einen bekomme ich Unterstützung von meinen Eltern, die getrennt leben. Außerdem gebe ich ein Tutorium an der Uni und nebenbei Nachhilfe. Und ich arbeite noch selbstständig als Serviceperson ein paar Schichten auf einem Boot. Ich glaube schon, dass ich Bafög-Anspruch hätte, aber die Formulare sind sehr kompliziert. Für die Miete zahle ich 530 Euro und meine Lebenshaltungskosten schwanken stark. Wenn ich viel Stress im Studium habe, esse ich nur in der Mensa und selten auswärts. Insgesamt würde ich nicht sagen, dass ich durch die Jobs mit einem großen Plus rauskomme. Wenn das Studium gerade fordernd ist, hat es Vorrang. Bei meinem Job auf dem Boot kann ich mich flexibel für Schichten eintragen. Die Nachhilfestunden lassen sich allerdings nicht verschieben. Dann verpasse ich mal eine Vorlesung, lerne etwas weniger. Das Studium leidet aber nicht groß darunter. Einen Luxus, den ich mir gönne, ist zum Beispiel das Bouldern. Das ist zwar teuer, aber ich kann es mir noch leisten. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich in dieser Hinsicht privilegiert bin. Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich gern mehr in Cafés gehen.
Nao, 33, Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Mein Leben ist so organisiert, dass ich lieber um 6 Uhr morgens aufstehe und arbeite, anstatt die Uni zu verpassen. Ich schlafe einfach weniger, damit ich in die Uni gehen kann. Pro Woche arbeite ich 16 Stunden und verdiene damit 1000 Euro im Monat. Mit diesem Geld und meinen Ersparnissen bezahle ich 500 Euro Miete. Der Rest fließt in Essen und andere Lebenshaltungskosten. Mir ist es wichtig, so wenig wie möglich zu arbeiten. Denn ich weiß, wie sehr ein Job das Studium verlangsamen kann. Deswegen habe ich einen Job gewählt, der mir mit Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten genug Freiheiten lässt. Ich möchte die Jahre im Kunststudium so gut nutzen, wie es geht. Trotzdem nehme ich an manchen Angeboten des Studiums leider nicht oder nur eingeschränkt teil, zum Beispiel an Kursen wie Kameraführung oder an Exkursionen. Mein Bafög-Antrag wurde abgelehnt. Nach dem Bachelor wollte ich im Bereich Medienkunst weiterstudieren und meine jetzige Universität bietet das Fach nur als Diplom-Studiengang an. Die Uni hat meine bisherigen Leistungen anerkannt. Das Amt hingegen hat das weiterführende Studium wie einen zweiten Studiengang eingestuft. Insgesamt fühle ich mich ausgelaugt, und als hätte ich nicht so viel Entscheidungsmacht in meinem Leben. Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Zeit für Sport und Freund:innen.
Helene, 21, Bachelor Architektur an der TU Berlin
Bafög habe ich seit Studienbeginn bekommen. Ich beantrage es gerade wieder, aber es ist sehr bürokratisch. Es ist ein richtiger Akt, sich damit auseinanderzusetzen. Meine Familie unterstützt mich auch und schickt mir Geld. Am Wochenende jobbe ich zusätzlich als Assistenzkraft in einer Galerie. Da arbeite ich 30 Stunden im Monat. Ich bin nicht komplett darauf angewiesen, weil ich mir, als ich jünger war, etwas angespart habe. Unter der Woche habe ich meinen normalen Uni-Alltag. Insgesamt habe ich schon das Gefühl, dass ich alles ganz gut hinbekomme. Die WG-Miete kostet 570 Euro und für Uni-Sport gebe ich einmal im Semester etwa 30 Euro aus. Wenn ich Modelle für das Studium baue, dann gehen bestimmt 200 Euro bis 300 Euro für Materialkosten drauf. Am Anfang muss man auch die Software, die wir fürs Entwerfen brauchen, zahlen. Das ist alles sehr teuer. Wenn ich mir was gönne, dann gehe ich mal essen oder verreise. Aber auch da bin ich sparsam. Mittlerweile sind Zugtickets teuer geworden. Hätte ich mehr Geld, würde ich mir zum Beispiel bei Reisen weniger Gedanken machen. Mit mehr Zeit würde ich mehr Sport machen. Das geht oft zwischen Uni, Arbeiten und Beziehungen unter.
Thomas, 30, Master of Education Sport und Spanisch an der HU Berlin
Mein Leben finanziere ich derzeit durch Bafög mit Höchstsatz und Minijobs. Über ein Internetportal bewerbe ich mich auf verschiedene Kurzzeitjobs. Dadurch bin ich sehr flexibel und kann die Arbeit meinem Studium anpassen. Der Nachteil ist: Mal bekomme ich eine Zusage, mal nicht. Deshalb bin ich quasi ständig auf Jobsuche auf dem Portal, was stresst. Da die Einsätze immer wieder wechseln, schwankt auch mein Stundenlohn. Die Miete teile ich mir mit meiner Partnerin, die den größeren Anteil übernimmt – ich selbst zahle 500 Euro. Am Ende des Monats geht die Rechnung meist gerade so auf. Urlaub ist deswegen nicht drin, aber für ein Festival konnte ich inzwischen sparen. Luxus bedeutet für mich, abends mal in einer urigen Berliner Eckkneipe zu sitzen und Karten zu spielen. Das ist etwas, was ich nicht missen möchte. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auf jeden Fall mehr Sport machen. Ich studiere Sport und bin entsprechend gern selbst aktiv. Meine Freunde würde ich auch gern häufiger sehen.



