Etwa jeder achte Brandenburger ist funktionaler Analphabet. Diese alarmierende Zahl gab Brandenburgs Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) im Bildungsausschuss des Landtags bekannt. Rund zwölf Prozent der Bevölkerung können zwar einzelne Sätze lesen und schreiben, scheitern jedoch bereits an kurzen Texten wie Kontoauszügen oder Elternbriefen. Hoffmann bezeichnete die Quote als „erschreckend hoch“.
Grundbildungszentren als Anlaufstelle
Um diesen Menschen zu helfen, gibt es im Land 15 sogenannte Grundbildungszentren. Sie richten sich speziell an Erwachsene, die ihre Lese- und Schreibfähigkeiten verbessern möchten. Die Zentren bieten Kurse und Beratung an, doch die Betroffenen haben oft große Schwellenängste. „In der Öffentlichkeit ist damit eine erhebliche Stigmatisierung verbunden“, so Hoffmann. Viele schämen sich, ihre Defizite zuzugeben.
Niedrigschwellige Angebote in Bibliotheken
Ein cleverer Ansatz findet sich in Rathenow: Dort wurde das Grundbildungszentrum im Obergeschoss der Bibliothek eingerichtet. „Außenstehende sehen nur, dass jemand die Bibliothek besucht“, erklärte Hoffmann. So müssen sich die Teilnehmer nicht schämen. Auch in Potsdam gibt es ein offenes Lerncafé mit ähnlich niedrigschwelligem Zugang.
Die SPD-Abgeordnete Katja Poschmann lobte die Arbeit der Zentren: „Sie unterstützen Erwachsene, denen selbst alltägliche Dinge wie das Lesen des Kontoauszugs oder der Stromabrechnung Schwierigkeiten bereiten.“ Investitionen in Grundbildung seien auch Investitionen in die nächste Generation, denn wenn Eltern gut lesen und schreiben könnten, hätten es ihre Kinder leichter.
Hohe Quote an Schulabbrechern
Ein weiteres Problem ist die Zahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Im Schuljahr 2024/2025 waren es acht Prozent – ein Anstieg um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Minister Hoffmann nannte das „ein Thema, das uns umtreibt“. Ein Teil dieser Schüler stammt von Förderschulen, doch auch an Oberschulen und Gesamtschulen stieg die Quote.
Als wesentlichen Grund nannte Hoffmann ukrainische Schüler, die erst in der 7. oder 8. Klasse nach Deutschland kommen und eine enorme Sprachleistung erbringen müssen. Zudem sei nicht erfasst, ob diese Schüler in ein anderes Bundesland oder in die Ukraine zurückgehen. „Aufgrund der gesunkenen Migrationszahlen erwarten wir aber einen Rückgang der Quote“, sagte Hoffmann. Erfreut zeigte er sich über die Verdopplung der Schulpsychologen.
Bildungsbiografien sind nicht beendet
Die CDU-Bildungspolitikerin Kristy Augustin nannte die hohe Analphabetenquote „besorgniserregend“. „Es ist kaum nachvollziehbar, wie Betroffene ihren Lebens- und Berufsalltag meistern können“, sagte sie. Die Koalition habe sich daher im Koalitionsvertrag für die Unterstützung der Erwachsenenbildung ausgesprochen.
Hoffmann betonte, dass die Bildungsbiografie nach der 10. Klasse noch nicht vorbei sei – das zeige auch seine eigene Geschichte: Er selbst hatte die Schule abgebrochen und seinen Abschluss auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt.



