Bundesweiter Bahn-Stillstand: Zugfunk-Ausfall legt Verkehr lahm
Zugfunk-Ausfall: Bahn-Stillstand in ganz Deutschland

Ein deutschlandweiter Ausfall des digitalen Bahnfunksystems GSM-R hat am späten Dienstagabend den gesamten Zugverkehr der Deutschen Bahn (DB) für etwa zwei Stunden zum Erliegen gebracht. Betroffen waren etliche Reisende, darunter auch tausende Fans eines Helene-Fischer-Konzerts in Gelsenkirchen sowie Besucher der Kieler Woche. Erste Züge fuhren nach Mitternacht wieder, doch die Bahn warnte: „Bis sich der Bahnverkehr wieder normalisiert hat, muss bis mindestens 6 Uhr mit hohen Folgeverspätungen und kurzfristigen Fahrtausfällen gerechnet werden“, teilte DB Regio Mitte auf X mit.

Ursache der Störung: Fehlerhaftes Update oder Komponentenwechsel

Die Deutsche Bahn bestätigte auf Anfrage des Tagesspiegels, dass eine bundesweite Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R vorliege. „Aufgrund einer bundesweiten Störung des digitalen Bahnfunks GSMR werden vorläufig alle Züge an Bahnhöfen zurückgehalten“, hieß es zunächst. Später teilte die Bahn mit: „Unsere IT-Experten haben pausenlos an der Entstörung gearbeitet – mit Erfolg. Die Störung konnte so innerhalb kurzer Zeit behoben werden, der Verkehr läuft nun Schritt für Schritt wieder an. Wir danken allen Fahrgästen für Ihre Geduld.“

Nach Informationen des rbb gehen Sicherheitsbehörden nicht von Sabotage aus. Stattdessen wird ein fehlerhaftes Update der Deutschen Bahn vermutet. Die „Bild“-Zeitung berichtete, ein Komponentenwechsel im Funksystem habe die Störung verursacht. Die genaue Ursache war zunächst noch Gegenstand der Ermittlungen.

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Auswirkungen: Chaos an Bahnhöfen und am Flughafen BER

Der Ausfall traf nicht nur den Zugverkehr, sondern auch viele Fluggäste am Hauptstadtflughafen BER. Ein Tagesspiegel-Reporter berichtete von rund 200 wartenden Menschen, die gegen 23 Uhr versuchten, in einen der wenigen Busse in Richtung Berlin zu gelangen. „Typisch Deutschland“, sagte ein Paar aus Dresden. Ein Ire, der auf einen Bus wartete, zeigte sich verzweifelt. Eine Gruppe junger Briten kritisierte das Fehlen von Informationen: „Das versteht man überhaupt nicht, welchen Bus man jetzt nehmen muss und warum es keine Ansagen oder Hilfe gibt.“

In Frankfurt am Main berichteten Reisende, dass es in der ganzen Stadt kein Hotelzimmer mehr gebe, obwohl die Bahn laut einem Sprecher Taxi- und Hotelgutscheine ausgegeben habe. In Gelsenkirchen, wo tausende Fans von einem Helene-Fischer-Konzert kamen, und in Kiel, wo die Kieler Woche stattfand, gab es größere Turbulenzen. Die Bundespolizei Berlin meldete, dass es in der Hauptstadt keine Einsätze gegeben habe, da alle S-Bahn-Züge noch den nächstgelegenen Bahnhof erreichen konnten.

Expertenstimmen: Sabotage, Technikversagen oder Inkompetenz

Lukas Iffländer, Bundesvorsitzender von Pro Bahn und Informatik-Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, erklärte dem Tagesspiegel, ein derartiger Ausfall könne – wenn es sich nicht um einen großangelegten Angriff handele – nur zwei Ursachen haben: Entweder sei bei einem Software-Update etwas schiefgelaufen oder es gebe einen Ausfall bei zwei zentralen Einheiten, in denen die Nummern der Lokomotiven für den Zugfunk hinterlegt seien. Ohne diese Information könnten Fahrdienstleister nicht mit Lokführern kommunizieren. „Sowohl eine Störung der IT wie ein Ausfall dieser zentralen Einheiten kann entweder durch Sabotage, Technikversagen oder Inkompetenz ausgelöst werden“, betonte Iffländer. Er kritisierte zudem, dass die Technik jahrzehntealt sei und das GSM-R-Netz sehr anfällig für Störungen.

Vergleich mit früheren Vorfällen: Anfälligkeit des GSM-R-Systems

Bereits im Oktober 2022 hatte ein ähnlicher Vorfall den Norden Deutschlands lahmgelegt. Damals durchtrennten Täter in Berlin-Karow und Herne Glasfaserkabel, die zum GSM-R-Netz der Bahn gehörten. Die Kabel verbanden die beiden zentralen Einheiten im Ruhrgebiet und in Berlin mit einer Zugfunkzentrale in Hannover. Ohne diese Verbindung funktionierte der Zugfunk nicht mehr. Der damalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP, heute parteilos) sprach von einem „Anschlag“ auf die Bahn. Die Ermittlungen des Generalbundesanwalts wegen des Verdachts auf „verfassungsfeindliche Sabotage“ wurden jedoch eingestellt; später hieß es, Kupferdiebe hätten unabhängig voneinander aus Versehen die Kabel durchtrennt – eine Erklärung, die in Sicherheitskreisen bis heute Skepsis hervorruft.

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Das aktuelle GSM-R-System sollte eigentlich längst durch die Nachfolgetechnologie Future Railway Mobile Communication System (FRMCS) abgelöst werden. Doch das Roll-out lässt weiter auf sich warten. Der erneute Ausfall zeigt, wie anfällig die veraltete Infrastruktur ist.