IHK-Präsident Hennige warnt: Wirtschaft im Osten Mecklenburg-Vorpommerns steht vor dem Kollaps
Wirtschaft im Osten MV steht vor dem Kollaps

IHK-Präsident warnt vor massivem Unternehmenssterben im Osten Mecklenburg-Vorpommerns

Krister Hennige, Präsident der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg für das östliche Mecklenburg-Vorpommern, äußert sich ein Jahr nach seinem Amtsantritt mit drastischen Worten zur wirtschaftlichen Lage. „Wir sind eigentlich schon längst am Ende des Diskutierens angelangt“, erklärt Hennige im Gespräch. „Wenn wir jetzt nicht ins Machen kommen, dann hat die Wirtschaft hier bald irgendwann fertig.“ Die Situation habe sich im vergangenen Jahr nicht verbessert, sondern verschärft.

Fehlende Verlässlichkeit und hohe Arbeitskosten als Hauptprobleme

Als zentrale Herausforderungen für die Wirtschaft im Kammerbezirk Neubrandenburg nennt Hennige die mangelnde Verlässlichkeit in der Politik und die explodierenden Arbeitskosten. „Wirtschaft besteht im Wesentlichen aus Innovation und Investition“, betont der IHK-Präsident. „Wenn die Rahmenbedingungen von der Politik nicht ausreichend gegeben werden, dann wird es ganz schwierig.“ Steigende Steuern und Abgaben würden Investitionen verhindern und Innovationen blockieren.

Die jüngsten Zahlen zur Zukunftserwartung von Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern seien erschreckend. Hennige befürchtet einen massiven Rückgang der Unternehmenslandschaft: „Die Anzahl der Unternehmen wird sich in den kommenden 10 Jahren allein durch Zusammenschlüsse, Fusionen und Aufgaben zumindest um 30 Prozent reduzieren.“ Ein wesentlicher Grund sei der demografische Wandel, da Unternehmer zwischen 60 und 70 Jahren keine Nachfolger fänden.

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Konkrete Forderungen an die Bundesregierung

Hennige formuliert klare Erwartungen an die Politik:

  • Verlässlichkeit in der Gesetzgebung, damit Gesetze nicht nur ein halbes Jahr gelten
  • Reduzierung der Bürokratie für Unternehmen
  • Senkung der Arbeitskosten, die die Wirtschaftlichkeit massiv erschweren

Zwar begrüßt er die Senkung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie als stabilisierende Maßnahme, fordert aber weitreichendere Veränderungen. „Zum Beispiel Verfahren bei Bauprojekten beschleunigen“, so Hennige. „Dass nicht nur Privatleute innerhalb von drei Monaten eine Genehmigung bekommen, sondern auch Unternehmen.“ Aktuell dauere es oft fünf Jahre, um einen Flächennutzungsplan zu erstellen und eine Baugenehmigung zu erhalten – für Investoren ein absolutes No-Go.

Diskrepanz zwischen Leuchtturmprojekten und breiter Wirtschaft

Der IHK-Präsident kritisiert die Ungleichbehandlung von Großprojekten und mittelständischen Unternehmen. Während bei Tesla in Brandenburg oder im Industriepark Berlin-Stettin mit Birkenstock und Topregal alles reibungslos laufe, stünden kleinere Unternehmen vor enormen bürokratischen Hürden. „An einzelnen Leuchttürmen besteht Interesse. Aber das ist ja nicht unsere breite Wirtschaft“, moniert Hennige.

Als Beispiele für fehlende Verlässlichkeit nennt er:

  1. Die geplante Verpackungssteuer in Greifswald, die laut Gutachten nicht zielführend sei
  2. Die Vernachlässigung der B96, die trotz jahrelanger Planungsversprechen nicht vorankomme
  3. Die 14-monatige vollständige Abschneidung Neubrandenburgs vom Bahnverkehr, obwohl nur zwei bis drei Monate angekündigt waren

Bildungsdefizite und fehlende duale Ausbildung

Ein weiteres Problem sieht Hennige im gesunkenen Bildungsstandard. „Allein das Kopfrechnen war früher völlig normal. Heute geht es ohne Rechner gar nicht“, stellt er fest. Besonders kritisch betrachtet er den Rückgang der dualen Ausbildung in den vergangenen 30 Jahren. Immer mehr Schüler strebten in den akademischen Bereich, was die Gesellschaft ihrer Basis beraube. „Wir verändern damit derart unsere Gesellschaft, weil ihr nach und nach die Basis, also der duale Beruf, fehlt“, warnt der IHK-Präsident.

Fehler im Einwanderungsgesetz und regionale Vernachlässigung

Beim Thema Arbeitskräfte und Zuwanderung kritisiert Hennige das deutsche Einwanderungsgesetz als „Kardinalfehler“. Die Verknüpfung von Asylsystem und Arbeitskräftegewinnung habe zu enormen bürokratischen Hürden geführt. „Wir hätten die Leute viel früher in Arbeit bringen können“, so seine Überzeugung.

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Trotz positiver Wachstumszahlen, die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig für Mecklenburg-Vorpommern preist, fühlt sich der Osten des Landes aus Sicht Henniges von Schwerin aus nicht ausreichend wahrgenommen. „Das Gefühl in Vorpommern und im östlichen Mecklenburg ist oft so: Schwerin ist weit weg und könnte sich stärker noch auf unsere Landesteile konzentrieren“, erklärt er. Die mangelnde Priorisierung bei Projekten wie der Sanierung der B96 unterstreiche diese Wahrnehmung.

Henniges Fazit ist deutlich: Ohne grundlegende Veränderungen in der Politik droht der Wirtschaft im Osten Mecklenburg-Vorpommerns der Kollaps. Die Zeit des Diskutierens sei vorbei – jetzt müsse gehandelt werden, bevor es zu spät ist.