Der Berliner Autor Konstantin Richter hat für sein Buch „Dreihundert Männer“ den Deutschen Sachbuchpreis erhalten. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wurde ihm am Montagabend in Hamburg verliehen. Das Buch erzählt die Geschichte des Aufstiegs und Falls der Deutschland AG – ein unterhaltsames Sachbuch über die deutsche Wirtschaft.
Der Titel und seine Inspiration
Die titelgebenden dreihundert Männer hat Richter nicht exakt gezählt. Der Titel geht auf einen Aufsatz von Walther Rathenau zurück, dem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden der AEG. Rathenau schrieb 1909 über dreihundert bestens vernetzte Männer aus der deutschen Wirtschaft: „von denen jeder jeden kennt, sie leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents“. Richter orientiert sich an Rathenaus Vater Emil und dessen Sohn Walther.
Die Anfänge der Deutschland AG
Emil Rathenau erlebte in den 1880er Jahren einen schnellen Aufstieg als Unternehmer. Als seine Elektrizitäts- und Glühbirnen-Gesellschaft in Not geriet, wurde er von der Deutschen Bank mit Kapital versorgt. Es folgten die enge Verflechtung mit dem Konkurrenten Siemens und die Gründung der AEG. Richters Buch beginnt mit den Anfängen der deutschen Unternehmenskultur in der Kaiserzeit ab 1870.
Vom Kaiserreich bis zur Gegenwart
Das Buch behandelt die Rolle der Unternehmen im Nationalsozialismus, die Wirtschaftswunder-Blütezeit in den 1950er und 1960er Jahren und die Auflösung der eng vernetzten Finanz- und Industriekonzerne in den letzten zwei Jahrzehnten. Richter schreibt im Vorwort: „Der Niedergang dieser Netzwerke erscheint aus heutiger Sicht fast unumgänglich. Die dreihundert Männer passen nicht länger in die Zeit, auf die drängenden Probleme der globalisierten Gegenwart hätten sie womöglich keine Antwort.“
Ein Nachruf auf die Deutschland AG
Richter bezeichnet sein Buch selbst als „Nachruf“. Es versteht sich als historisches Sachbuch, das keine Antworten auf die Zukunft der deutschen Wirtschaft gibt. Die Jury betonte die Gegenwärtigkeit der Wahl: „Die Deutschland-AG bestimmt bis heute unser Selbstverständnis als erfolgreiche Wirtschaftsnation. Wie wenig die damit verbundenen Vorstellungen und Konzepte noch auf die Gegenwart passen, zeigt Konstantin Richter in seiner Geschichte der deutschen Wirtschaft seit der frühen Industrialisierung.“
Kunstvolle Montage und Erzählkunst
Die Jury lobte die „kunstvolle Montage“, mit der Richter zeige, wie prägend die dreihundert Männer wirtschaftlich, politisch und persönlich für Deutschland gewesen seien. „Das hatte seinen Preis. Nostalgie hilft nicht weiter. Konstantin Richter macht sichtbar, was sich hinter dem abstrakten Bild der ,deutschen Wirtschaft‘ verbirgt – und liefert so eine Grundlage, die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.“
Das Buch liest sich trotz des Themas Wirtschaft erstaunlich gut. Der Verlag spricht von „meisterhaft arrangierten Episoden“. Richter hat ein erzählendes Sachbuch geschrieben, mit Betonung auf dem Erzählen. Schon zu Beginn geht es um Bach, Beethoven und Brahms – den „deutschen Klang“, den es so nicht mehr gebe, parallel zur deutschen Wirtschaft.
Kulturelle Verweise und Stil
Richter erwähnt das Rathenau-Gemälde von Max Liebermann, erzählt vom Auschwitzüberlebenden Hans Mayer (später Jean Améry) und zitiert ein Gedicht von Günter Eich. Im Zusammenhang mit dem Volkswagen-Konzern und dessen Aufschwung nach der Ölkrise kommt Florian Illies mit „Generation Golf“ zu Ehren. Die Komposition erinnert an Illies‘ Bücher über das Jahr 1913, mit ständig wechselnden Schauplätzen. Doch „Dreihundert Männer“ bleibt sachlich und verzichtet auf fiktive Einfühlung.



