Historischer Höchststand: Post-Beschwerden erreichen neuen Rekord
Die Unzufriedenheit mit der Post in Deutschland hat ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Bei der Bundesnetzagentur gingen im vergangenen Jahr insgesamt 55.395 Beschwerden ein – das ist ein Viertel mehr als im Vorjahr 2024, als noch 44.406 Eingaben registriert wurden. Dieser Wert markiert den höchsten Stand, den die Behörde jemals verzeichnet hat.
Gelockerte Vorgaben, wachsende Kritik
Bemerkenswert ist dieser Anstieg vor dem Hintergrund, dass seit Anfang 2025 die Zustellvorgaben für Briefe deutlich gelockert wurden. Mussten früher 80 Prozent der Sendungen am nächsten Werktag zugestellt werden, reicht es nun aus, wenn 95 Prozent am dritten Werktag ankommen. Trotz dieser großzügigeren Fristen hat die Unzufriedenheit der Kunden spürbar zugenommen.
Die meisten Beschwerden betreffen laut Bundesnetzagentur den Logistikkonzern DHL, der im Inland als Deutsche Post auftritt und Marktführer ist. Rund 90 Prozent der Eingaben beziehen sich auf diesen Dienstleister. Kunden berichten regelmäßig von beschädigten Paketen, falsch zugestellten Briefen oder unzumutbar langen Wartezeiten.
Unternehmensargumentation und Gegenposition
Die Deutsche Post verweist angesichts der Rekordzahl auf die enormen Mengen an Sendungen. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 9,4 Milliarden Briefe und 4,5 Milliarden Pakete verschickt. Das Unternehmen argumentiert, dass der Anteil der Beschwerden im Verhältnis zu diesen Volumina gering sei.
„Die Postversorgung in Deutschland funktioniert sehr gut“, betont ein Unternehmenssprecher. Auf eine Million transportierter Sendungen kämen etwa vier Beschwerden. „Das zeigt sehr deutlich, dass es kein strukturelles Qualitätsproblem gibt.“
Gleichzeitig weist die Post darauf hin, dass manche Vorwürfe andere Zusteller betreffen würden. So seien beispielsweise 800.000 sogenannte Fundbriefe – Sendungen, die beim falschen Empfänger landen – von Wettbewerbern falsch abgegeben worden.
Langfristiger Trend und politische Reaktionen
Der starke Anstieg der Beschwerden ist kein plötzliches Phänomen. Bereits 2021 registrierte die Bundesnetzagentur rund 15.000 Eingaben, 2022 waren es schon etwa 43.000. Die Post hatte damals von „lokalen Problemen“ gesprochen und auf einen hohen Covid-Krankenstand sowie einen angespannten Arbeitsmarkt verwiesen.
In der Politik wächst die Kritik an dieser Entwicklung. Sebastian Roloff (43), wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, kommentiert: „Die Tendenz muss man ernst nehmen. Sie ist ein Indiz dafür, dass der Post die Sendungsqualität nicht mehr so wichtig ist wie früher.“ Roloff fordert häufigere Kontrollen durch die Bundesnetzagentur.
Drohende Konsequenzen
Bereits im November 2025 wurden der Post härtere Konsequenzen angedroht. Klaus Müller (55), Präsident der Bundesnetzagentur, stellte Strafzahlungen in Aussicht, sollte sich die Qualität nicht verbessern. Diese Ankündigung unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Situation und den Handlungsdruck auf das Unternehmen.
Die Bundesnetzagentur beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge und hat deutlich gemacht, dass sie bei ausbleibenden Verbesserungen nicht zögern wird, regulatorische Maßnahmen zu ergreifen. Die Post steht damit vor der Herausforderung, trotz gelockerter gesetzlicher Vorgaben die Kundenzufriedenheit wieder zu steigern.



