Düngemittelpreise explodieren durch Iran-Konflikt: Droht jetzt die Lebensmittelteuerung?
Der nun fünfte Woche andauernde Iran-Krieg hat mit der faktischen Sperrung der strategisch wichtigen Straße von Hormus nicht nur den globalen Öl- und Gashandel massiv beeinträchtigt. Diese entscheidende Meerenge, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Öls und ein Viertel des Flüssiggases fließen, ist auch für rund ein Drittel des globalen Kunstdüngertransports unverzichtbar. Die Blockade dieses maritimen Nadelöhrs hat zu einem beispiellosen Preisschock bei Düngemitteln geführt, der nun die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette bedroht.
Preisexplosion mit globalen Folgen
Seit Beginn der Krise sind die Düngemittelpreise dramatisch angestiegen: Harnstoff verteuerte sich um bis zu zwei Drittel, Ammoniak um etwa ein Fünftel. Nach Schätzungen von Rohstoffexperten stecken derzeit mehr als 1,1 Millionen Tonnen Düngemittel im und um den Persischen Golf fest. Diese Entwicklung trifft besonders Entwicklungsländer hart, wo bereits kleinere Versorgungsengpässe zu überproportionalen Ernteeinbußen führen können – mit gravierenden Konsequenzen für die Ernährungssicherheit und Haushaltsbudgets.
Deutsche Landwirte unter wirtschaftlichem Druck
Auch in Deutschland spüren Landwirte die Auswirkungen unmittelbar. Der Preisschock trifft sie genau zur Frühjahrsbestellung zu Beginn der Pflanzsaison. „Steigende Preise treffen die Betriebe kurzfristig vor allem bei Liquidität, Planungssicherheit und Wirtschaftlichkeit“, erklärt der Deutsche Bauernverband. Eine Reduzierung des Düngereinsatzes sei praktisch keine sinnvolle Option, da dies zwangsläufig zu Ertragseinbußen und Qualitätsverlusten führen würde. Noch bevor mögliche Lieferprobleme auftreten, wächst damit der wirtschaftliche Druck auf die landwirtschaftlichen Betriebe.
Versorgungssicherheit in Deutschland noch gewährleistet
Zumindest die unmittelbare Versorgung der deutschen Landwirtschaft mit Mineraldüngern scheint aktuell gesichert. „Wir gehen davon aus, dass es in Europa zu keinen Engpässen kommen wird“, betont Antje Bittner, Geschäftsführerin der SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in der sachsen-anhaltinischen Lutherstadt Wittenberg ist Deutschlands größter Ammoniak- und Harnstoffproduzent. Wenn alle Anlagen auf Volllast produzierten, könne man die Versorgungs- und damit die Ernährungssicherheit gewährleisten. Das benötigte Gas beziehe SKW mittlerweile aus Norwegen, den Niederlanden und den USA – zu hohen, aber stabilen Preisen.
Kapazitätsabbau und strukturelle Probleme
Dennoch zeigen sich strukturelle Schwächen in der deutschen Düngemittelindustrie. Nach Schätzungen des Industrieverbands Agrar können einheimische Hersteller nur noch etwa 75 Prozent des Düngemittelbedarfs decken. In den vergangenen Jahren wurden wegen ungünstiger Standortbedingungen durch hohe Energie- und Klimaschutzkosten erhebliche Produktionskapazitäten stillgelegt. Der Chemieriese BASF legte Anfang 2023 eine Ammoniakanlage in Ludwigshafen still, während Domo Caproleuna trotz Weiterproduktion auf Anordnung des Landes Sachsen-Anhalt im Januar Insolvenz anmelden musste.
„Fällt Domo aus, verlieren wir zusammen mit den bereits abgestellten BASF-Anlagen Produktionskapazitäten für 900.000 Tonnen Stickstoffdünger“, rechnet SKW-Chefin Bittner vor. Sie formuliert die Situation drastisch: „Wir haben unsere Düngemittelindustrie kaputt gemacht.“ Diese Entwicklung macht Deutschland und Europa abhängiger vom Weltmarkt und seinen Preisschwankungen.
Internationale Verwerfungen verschärfen die Lage
Erschwerend kommt hinzu, dass Russland als global führender Düngemittelexporteur Lieferungen kurzfristig ausgesetzt hat, um die heimische Versorgung zu sichern. Diese Maßnahme verschärft die ohnehin angespannte Marktlage zusätzlich und treibt die Preise weiter in die Höhe. Mehrere EU-Mitgliedstaaten drängen nun die EU-Kommission, für Düngemittelimporte Zölle und das CO₂-Grenzausgleichssystem auszusetzen, um steigende Kosten für landwirtschaftliche Betriebe abzufedern.
Warnung vor kurzsichtigen politischen Entscheidungen
Der Industrieverband Agrar warnt jedoch vor solchen Maßnahmen. „Die europäische Düngemittelindustrie hat ihre Emissionen über Jahrzehnte deutlich gesenkt und zählt heute zu den weltweit klimafreundlichsten Herstellern“, betont Theresa Krato, Leiterin des Fachgebiets Pflanzenernährung und Biostimulanzien im IVA. Ein abrupter Wechsel der Spielregeln untergrabe das Vertrauen der Unternehmen, die ihre Investitionen langfristig planen müssen. SKW-Chefin Bittner zweifelt zudem die Wirksamkeit solcher Maßnahmen an und befürchtet, dass mögliche Zollsenkungen nicht bei den Landwirten ankommen würden.
Langfristige Preisauswirkungen auf Lebensmittel
Obwohl Experten einen nachhaltigen, zähen Kostenschock wie während der Corona-Pandemie hierzulande nicht erwarten, wird ein Preisniveau wie vor der Krise für Energie und damit auch für Düngemittel selbst bei rascher Deeskalation lange auf sich warten lassen. Diese Entwicklung droht sich direkt auf die Lebensmittelpreise auszuwirken, da höhere Produktionskosten in der Landwirtschaft zwangsläufig an die Verbraucher weitergegeben werden müssen. Die Ernährungssicherheit steht damit vor einer doppelten Herausforderung: kurzfristigen Versorgungsrisiken und langfristigen Preisdruck.



