Stromnetzausbau: Wie der Erdkabel-Vorrang gerettet werden könnte
Stromnetzausbau: Erdkabel-Vorrang retten?

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant, den Vorrang von Erdkabeln für Stromautobahnen abzuschaffen, um die Kosten zu drücken. Die erste Lesung des entsprechenden Gesetzes ist für Donnerstag vorgesehen, am Freitag befasst sich der Bundesrat mit dem Thema. Doch die Erdkabelbranche versucht mit aller Macht, dieses Vorhaben zu stoppen. Sie stellt eine massive Senkung der Kosten in Aussicht und findet Fürsprecher in den Bundesländern.

Erdkabelbranche wehrt sich

Benedikt Bollweg vom Erdkabelhersteller Prysmian betonte gegenüber dem Handelsblatt, dass Erdkabel eine Option bleiben müssten. „Eine pauschale Festlegung auf Freileitungen, wie sie mit der geplanten Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes festgeschrieben werden soll, halten wir für falsch“, sagte er. Bollweg will das Hauptargument der Gegner, dass die unterirdische Verlegung von Höchstspannungsleitungen ein Kostentreiber sei, nicht gelten lassen. Die immer wieder genannten Kostenunterschiede seien aus seiner Sicht nicht belegt. „Hinter die Aussage, die Erdverkabelung sei um den Faktor drei bis zehn teurer als der Bau von Freileitungen, muss man ein großes Fragezeichen setzen. Es gibt keine transparente Herleitung für solche Pauschalisierungen“, erklärte er.

Prysmian ist ein führender Anbieter von Erdkabelsystemen und daher von dem geplanten Kurswechsel unmittelbar betroffen. Die von Reiche geplante Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes folgt einer Vorgabe aus dem Koalitionsvertrag. Die Rückkehr zu oberirdisch verlegten Freileitungen, die von Mast zu Mast gespannt werden, soll helfen, die Kosten für die geplanten „Stromautobahnen“ zu senken. Diese sollen große Mengen Strom vom Norden in die Verbrauchszentren im Süden und Westen des Landes transportieren. Ausgeführt werden sie in Höchstspannungs-Gleichstrom-Übertragungstechnik (HGÜ), die einen verlustarmen Transport über weite Strecken ermöglicht. Bislang wird das Höchstspannungsnetz in Deutschland in Wechselstromtechnik betrieben.

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Kosten im Fokus der Debatte

Der Erdkabelvorrang für die Stromautobahnen wurde 2015 von der damaligen Großen Koalition beschlossen, um die Akzeptanz für den Netzausbau zu erhöhen. Nun stehen die Kosten im Zentrum der Debatte. Der Netzausbau hat sich zu einem Hauptkostentreiber der Energiewende entwickelt. Allein die Betreiber der Übertragungsnetze kalkulieren bis 2045 mit bis zu 392 Milliarden Euro an Investitionskosten für den Ausbau der Netze. Darin enthalten sind die Stromautobahnen, die nach noch geltender Regelung unterirdisch verlegt werden sollen. Hinzu kommen 200 Milliarden Euro für die Netze, mit denen der Strom auf regionaler und lokaler Ebene verteilt wird.

Die Erdkabelbranche arbeitet intensiv daran, die Kabelverlegung effizienter zu gestalten. Allein im Bereich der Kabelinstallation sehen Fachleute ein Einsparungspotenzial von 20 bis 30 Prozent. Neue Verlegeverfahren könnten weitere Kostenentlastungen im zweistelligen Prozentbereich ermöglichen. Die Kabelinstallation ist derzeit noch sehr kostenträchtig, weil nur Kabelstücke mit einer Länge von maximal zwei Kilometern mit einem einzelnen Schwerlaster zum Ort der Verlegung transportiert werden können – mehr passt nicht auf einen Lkw.

Das führt dazu, dass auf einer Strecke von 730 Kilometern wie im Fall der geplanten „Suedwestlink“-Trasse, die von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg führen soll, mehrere Hundert Kabelstücke miteinander verbunden werden müssen. Dies geschieht in einem zeit- und kostenaufwendigen Verfahren. Die Nahtstellen sind zugleich die Schwachstellen eines Erdkabelsystems: Je mehr Verbindungsstellen es gibt, desto höher die Störanfälligkeit. Erdkabelsysteme sind erheblich komplexer als Freileitungen, was an den erforderlichen Isolierungen und Abschirmungen liegt.

Bahntransport als Lösung

Doch es zeichnet sich eine Lösung ab, mit der sich der Verlegeaufwand drastisch reduzieren ließe. Das Beratungsunternehmen PB Energy+Defence arbeitet an einem Verfahren, bis zu 30 Kilometer Kabel an einem Stück zu transportieren. Das würde die Zahl der erforderlichen Verbindungen drastisch verringern und auch die Störanfälligkeit reduzieren. Möglich werden soll das durch die Nutzung eines kompletten Güterzuges. Die Kabel sollen auf speziellen Kabeltrommeln über mehrere Waggons hinweg transportiert werden.

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Einer der Köpfe hinter der Idee ist der langjährige Siemens-Manager Armin Schnettler, der von 2001 bis 2019 Direktor des Instituts für Hochspannungstechnik der RWTH Aachen war. „Der Transport und das Verlegen von Gleichstromkabeln in Einzellängen von deutlich über zehn Kilometern per Bahn spart Zeit in der Umsetzung, senkt die Gesamtkosten und erhöht deutlich die Systemverfügbarkeit“, sagte Schnettler dem Handelsblatt.

Patentanmeldung läuft

Schnettler stellt Kostensenkungen „im deutlich zweistelligen Prozentbereich“ in Aussicht. Wegen der höheren Systemverfügbarkeit würden zudem die Betriebskosten erheblich sinken. „Es ist überraschend, dass der Transport von langen Gleichstromkabeln heute immer noch per Schwertransport erfolgt und nicht per Bahn. Hierdurch könnten wir Kosten von mehreren Hundert Millionen Euro pro System einsparen“, sagte Schnettler. Mit „System“ ist eine Leitung wie Suedwestlink gemeint. Die Patentanmeldung für das Verfahren läuft. Noch in diesem Jahr soll es ein Demonstrationsprojekt geben.

Allerdings sind einige Fachleute nicht ganz so optimistisch wie Schnettler. „Wenn es gelingt, längere Abschnitte zu verlegen, dann wird der Kostenabstand noch ein bisschen geringer, wird aber zu keiner grundsätzlichen Änderung führen, da vielfältige andere Kosten ebenfalls eine Rolle spielen“, sagte Christian Rehtanz, Professor für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Dortmund.

Bundesrat warnt vor Verzögerungen

Breite Unterstützung erfahren die Befürworter von Erdkabeln hingegen durch den Bundesrat. Die Länderkammer hält die von Reiche geplante Rückkehr zum Freileitungsvorrang für falsch. Am Freitag wird sich der Bundesrat mit dem Thema befassen und eine Stellungnahme abgeben. Die zuständigen Ausschüsse des Bundesrats sehen Reiches Plan sehr kritisch. Sie fürchten Verzögerungen. Insbesondere Änderungen der Ausführungsart in laufenden oder fortgeschrittenen Verfahren führten zu „zusätzlichen Planungsschritten, erhöhtem Abstimmungsbedarf sowie zu einer Zunahme von Einwendungen durch Betroffene“, heißt es in den Empfehlungen der Bundesratsausschüsse.

Praxiserfahrungen zeigten, „dass Vorhaben in Erdverkabelung aufgrund höherer Akzeptanz und geringerer Einwendungszahlen deutlich schneller realisiert werden können“. Insgesamt sei von einer viereinhalbjährigen Verzögerung von Projekten durch Umplanung auszugehen. Die Positionierung des Bundesrats sei ein Stoppschild für die Pläne der Bundesregierung, sagte Johannes Lis, Geschäftsführer des Kunststoffrohrverbands (KRV), dem Handelsblatt. Die im KRV zusammengeschlossenen Unternehmen liefern die Rohre, durch die die Erdkabel gezogen werden. „Wer den Netzausbau beschleunigen will, darf Akzeptanz, Resilienz und Planungssicherheit nicht aufs Spiel setzen. Erdkabel sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für eine sichere, schnelle und akzeptierte Energiewende“, sagte Lis.