Energiepolitik der Union: Wie Katherina Reiche Deutschlands Stromnetz-Ausbau blockiert
Reiche blockiert Stromnetz-Ausbau und schadet Standort

Energiepolitik der Union: Wie Katherina Reiche Deutschlands Stromnetz-Ausbau blockiert

Eine Kolumne von Christian Stöcker. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche verhindert, dass Deutschland zügig ein modernes Stromnetz erhält – und schadet damit dem Wirtschaftsstandort erheblich. Ein schnelleres Upgrade könnte die Energiewende jetzt besonders voranbringen.

Der Mythos der teuren Erneuerbaren

In bestimmten Kreisen hält sich hartnäckig der Irrglaube, erneuerbare Energien seien teuer. Tatsächlich sind sie die günstigste Form der Stromerzeugung, die der Menschheit bekannt ist. Daher wächst global fast nichts so schnell wie erneuerbare Energien und Batteriespeicher. Öl und Gas sind derzeit, nicht zuletzt dank Donald Trump, teuer. Die Auswirkungen auf Strompreise variieren jedoch stark, was am Merit-Order-Prinzip liegt: Das teuerste Kraftwerk, das noch benötigt wird, setzt den Preis. In Europa ist dies oft ein Gaskraftwerk.

In Spanien geschieht dies nur in 15 Prozent der Zeit, wo Gas billigen erneuerbaren Strom ergänzt und die Preise moderat hält. Ganz anders in Italien: Dort gibt Gas in 89 Prozent der Zeit den Preis vor, was italienischen Strom deutlich teurer macht. Die Financial Times titelte kürzlich: "Spanien ist ein Vorbild dafür, wie man mit Ölschocks umgeht."

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Wirtschaftsblätter fordern mehr Netzausbau

Der britische Economist ergänzt: Analysten zufolge ist ein kostengünstiges Stromnetz möglich, das hauptsächlich auf Erneuerbaren und Batterien basiert. Wo Wind, Sonne und Speicher nicht ausreichen, müsse vorerst Erdgas einspringen, da neue Kernkraftwerke untragbar teuer bleiben. Die Notwendigkeit von Gas sei handhabbar, wenn Regierungen die Abhängigkeit reduzieren, etwa durch größere und intelligentere Netze, die Nachfrage besser anpassen.

Wer flexible Stromtarife nutzt, weiß: Zu bestimmten Zeiten ist Waschen oder Autoladen besonders günstig. Doch Deutschlands Wirtschaftsministerin Katherina Reiche strebt das Gegenteil an: Sie will den Ausbau erneuerbarer Energien bremsen, anstatt den Netzausbau zu beschleunigen, und begründet dies mit Desinformation.

Falschbehauptungen und Realität

Reiche behauptete kürzlich, jährlich werde Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen, ein Zeichen für ökonomisch unvernünftige Energiewende. Diese Aussage ist grob falsch: 2025 entfielen nur 435 Millionen Euro auf Entschädigungen für abgeregelte erneuerbare Anlagen, 120 Millionen weniger als 2024. Damals kamen 96,5 Prozent des erneuerbaren Stroms bei Verbrauchern an. Der Großteil der Kosten, etwa 1,1 Milliarden Euro, ging an fossile Kraftwerke, plus eine Milliarde für Reservekraftwerke, wie Correctiv vom Fraunhofer-Institut erfuhr.

Entweder weiß die Ministerin dies nicht, oder sie lügt, um ihre Politik zu verkaufen. Dabei hilft gegen die von ihr kritisierten Probleme vor allem eines: schnellerer Netzausbau, damit erneuerbarer Strom dorthin gelangt, wo er gebraucht wird.

Deutschland im Rückstand

Tatsächlich hinken wir bei Netzen und Smart-Meter-Installationen massiv hinterher. Laut Bundesrechnungshof klaffte zwischen dem Netzausbauplan von 2009 und der Realisierung 2023 eine Lücke von fast 6000 Kilometern; nur 19 Prozent der benötigten Leitungen wurden gebaut. Europaweit haben im Schnitt 63 Prozent der Stromkunden smarte Zähler, in Deutschland sind es zwei Prozent. Dieser katastrophale Rückstand geht auf vier unionsgeführte Regierungen zurück.

Wenn in Deutschland von Infrastruktur die Rede ist, denken viele an Schuldächer oder Autobahnbrücken. Doch die wichtigste Infrastruktur des 21. Jahrhunderts sind Netze für Energie und Daten. Der Stromnetzausbau ist nicht der erste Standortnachteil, den Unionsparteien sehenden Auges verursachen. Beim Breitbandnetz machten sie ähnliche Fehler, unter denen wir bis heute leiden.

Wiederholung alter Fehler

Ein SPIEGEL-Text von 2013 warnte: Deutschland lebt von der Substanz, es fehlen Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe. Heute muss man diese Frage mit Ja beantworten. Damals ging es bereits um Strom- und Datennetze unter Kanzlerin Angela Merkel. Haushaltslöcher stopfen statt investieren – das passt auch heute.

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In Teilen Deutschlands gibt es nur Kupferkabel für Internet. Behörden empfehlen Kunden mittlerweile, auf Elon Musks Starlink-Satelliteninternet zurückzugreifen, wie Netzpolitik berichtete. Weil unionsgeführte Regierungen jahrelang schnelles Internet vernachlässigten, wird nun das Produkt eines Oligarchen empfohlen, der die AfD unterstützt.

Interessen der Großkonzerne

Reiche ließ ein Gutachten erstellen, das einen leicht geringeren Strombedachtswachstum bis 2030 annimmt, aber dennoch beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien mahnt. Reiche und Kanzler Friedrich Merz schlossen daraus, man müsse langsamer machen. Ihr 10-Punkte-Plan zeigt erstaunliche Ähnlichkeiten zu Forderungen von RWE und E.on, wie Journalist Malte Kreutzfeldt feststellte.

Für E.on und RWE ist Reiches Strategie – langsamer Netzausbau, mehr Kontrolle für Netzbetreiber, Bremsen dezentraler Investitionen – attraktiv. Dezentrale Erzeugung, Batteriespeicher, Smartmeter und schneller Netzausbau machen Netze flexibler, resilienter und günstiger, bedrohen aber zentral agierende Großkonzerne.

Es scheint, als wolle Katherina Reiche die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Einmal mehr könnte Netz-Aversion der Union teuer zu stehen kommen, während andere Länder wie Spanien voranschreiten.