Experte warnt vor gefährlicher Scheinsicherheit: Stromausfälle in deutschen Städten drohen zuzunehmen
Nach den jüngsten Stromausfällen in Berlin und Stuttgart schlägt ein führender Sicherheitsexperte Alarm. Während die Politik mit einem neuen Gesetz reagiert hat, bleibt die Kritik an den Maßnahmen zur Absicherung der kritischen Infrastrukturen scharf.
Stromausfälle legen Städte lahm
Der tagelange Stromausfall in Berlin im Januar und der kurze, aber folgenschwere Ausfall in Stuttgart am 5. Februar haben die Verwundbarkeit der deutschen Städte deutlich gemacht. Obwohl der Stuttgarter Vorfall nur eine Sekunde dauerte, waren Ampeln, Stadtbahnen und zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens unmittelbar betroffen. „Wir sind sehr digitalisiert, und selbst analoge Komponenten wie Ampeln sind häufig von Strom und IT-Systemen abhängig“, erklärt Sicherheitsexperte Manuel Atug im Gespräch.
Neues Gesetz mit gravierenden Lücken
Als Reaktion auf die Vorfälle hat der Bundestag Ende Januar das sogenannte KRITIS-Dachgesetz zur Sicherheit kritischer Infrastrukturen beschlossen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) brachte das Gesetz ins Rollen, das auf einer EU-Richtlinie basiert und große Betreiber zu Schutzmaßnahmen verpflichten soll. Erstmals soll es bundesweit einen einheitlichen Rahmen für den physischen Schutz wichtiger Versorgungsanlagen liefern.
Doch Atug, Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG KRITIS), übt deutliche Kritik: „Viele Details sind noch unklar, und die endgültige Umsetzung zieht sich in die Ferne.“ Eine verbindliche Verordnung mit konkreten Maßnahmen sei bislang nicht vorhanden und frühestens für 2030 zu erwarten. Bis dahin müssten Betreiber faktisch „nichts tun“ – eine Zeitspanne, die angesichts wachsender Risiken „viel zu lang“ sei.
„Gefühlte Sicherheit“ statt echter Resilienz
Das Gesetz sieht Bußgelder von bis zu einer Million Euro bei Nichteinhaltung vor. Für große Unternehmen, die Millionen in Sicherheitsmaßnahmen investieren müssten, sei dies kaum ein Anreiz. „Die Rechtsdurchsetzung wird sehr mangelhaft sein. Insgesamt ist das Gesetz sehr schlecht gemacht“, urteilt Atug.
Besonders kritisch sieht der Experte die geplante Einschränkung des öffentlichen Datenzugangs zu kritischer Infrastruktur. „Die Daten sind trotzdem bekannt – sei es über Google Maps oder durch einfache Beobachtung. Diese Maßnahmen sind populistisch und schaffen eher Probleme, als welche zu lösen“, argumentiert er. „Dadurch entsteht eine gefühlte Sicherheit, aber keine echte Sicherheit oder Resilienz.“
Steigendes Risiko für Stromausfälle
Atug warnt vor einem zunehmenden Risiko für Stromausfälle in Deutschland. „Es gibt durch vermehrten Stromverbrauch etwas mehr Ausfälle als noch vor einigen Jahren“, erklärt er. Zwar habe es Ausfälle schon immer gegeben, doch nun werde mehr darüber berichtet und die Lage sei durch Konflikte wie den Ukrainekrieg angespannter.
Der Experte betont, dass Deutschland im internationalen Vergleich immer noch selten Stromausfälle oder Energiemangel habe. Wenn die Bundesregierung jedoch den aktuellen Kurs beibehält, steige das Risiko für mehr Stromausfälle deutlich.
Energiepolitik in der Kritik
Als sinnvolle Maßnahme fordert Atug den Aufbau von Geo-Redundanzen in der Stromversorgung – also räumlich getrennte Stromleitungen. Hierfür fehle jedoch der politische Wille, da hohe Kosten anfallen und Präventivmaßnahmen keine sofortige Wirkung zeigen.
Die Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kritisiert Atug als zu kurzfristig ausgerichtet: „Wir machen uns mit einer Rückkehr zu fossilen Energien von undemokratischen Regimen abhängig. Damit kehren wir in die Steinzeit der Versorgungssicherheit zurück.“ Eine durchdachte Politik zu erneuerbaren Energien würde nicht nur Unabhängigkeit schaffen, sondern auch die Resilienz stärken.
Vorsorge für den Notfall
Für Bürgerinnen und Bürger empfiehlt Atug praktische Vorsorgemaßnahmen:
- Lagern von Wasser und Konserven
- Bereithalten von aufgeladenen Powerbanks
- Taschenlampen für den Notfall
„Ein paar Vorkehrungen reichen aus, um unaufgeregt für den Notfall besser vorbereitet zu sein. Dadurch entlastet man auch die Rettungsdienste und kann sich um Nachbarn oder vulnerable Gruppen kümmern“, rät der Experte.
Die aktuelle Debatte zeigt: Während die Politik mit Gesetzesinitiativen reagiert, bleiben Experten skeptisch. Die Frage der Versorgungssicherheit wird Deutschland noch lange beschäftigen.



