Mineralölverband weist Abzocke-Vorwürfe zurück: Vier Mythen zur Spritpreisbildung
Mineralölverband: Vier Mythen zu Spritpreisen entkräftet

Mineralölverband weist Vorwürfe der Preistreiberei entschieden zurück

Die aktuell stark gestiegenen Spritpreise an deutschen Tankstellen sorgen für erheblichen Unmut bei Verbrauchern. Im Zuge des Iran-Konflikts und der dadurch gestörten globalen Ölversorgung werden den hiesigen Mineralölunternehmen Abzocke und Preistreiberei vorgeworfen. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie (en2x), der Unternehmen wie Shell, BP, Avia, Esso und Totalenergies vertritt, nimmt nun ausführlich Stellung zu diesen Anschuldigungen.

Vier verbreitete Mythen zur Preisbildung im Fokus

Küchen betont, dass die Vorwürfe gegen die Branche hauptsächlich auf vier weit verbreiteten Missverständnissen oder „Mythen“ zur Preisbildung basieren. Der Verband hat diese einer detaillierten Prüfung unterzogen und stellt seine Sicht der Dinge klar.

Erster Mythos: Spritpreise folgen automatisch dem Rohölpreis

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Es sei ein Irrglaube, dass die Entwicklung der Preise für Benzin und Diesel zwingend dem Rohölpreis folgen müsse. Entscheidend für die Tankstellenpreise seien vielmehr die Produktpreise für Benzin und Diesel, die an internationalen Handelsplätzen notiert werden. Der Rohölpreis stellt dabei nur einen von vielen Einflussfaktoren dar. Der aktuell besonders starke Preisanstieg beim Diesel resultiere aus einer globalen Dieselknappheit und einem im Vergleich zu Benzin deutlich größeren Importbedarf in Deutschland.

Zweiter Mythos: Mineralölwirtschaft trägt Hauptverantwortung für hohe Preise

Laut Küchen trage nicht die Mineralölwirtschaft die Verantwortung für die hohen Kraftstoffpreise in Deutschland. Staatliche Abgaben und Kosten dominierten die Preisstruktur; sie machten rund zwei Drittel am Benzinpreis und mehr als die Hälfte am Dieselpreis aus. Im europäischen Vergleich seien insbesondere die Energiesteuer und die Treibhausgas (THG)-Quotenkosten besonders hoch. Hinzu komme der CO₂-Preis aus dem nationalen Emissionshandel, den es außerhalb Deutschlands nur noch in Österreich gebe. Weitere Preisbestandteile wie Lagerung, Transport, Verwaltung, Marketing und Vertrieb inklusive Marge hätten den geringsten Anteil und seien weitgehend konstant. Preissteigerungen an Tankstellen spiegelten lediglich gestiegene Einkaufspreise für Kraftstoffe zum Wiederbeschaffungswert wider, was auch die schnellen Reaktionen zu Krisenbeginn erkläre.

Dritter Mythos: Deutschland hat überproportionale Preissteigerungen

Oft werde behauptet, der im Vergleich zu anderen EU-Ländern schnellere und stärkere Preisanstieg in Deutschland sei Folge eines nicht funktionierenden Wettbewerbs. Küchen widerspricht: Zahlreiche Länder wiesen vergleichbare Preissteigerungen auf, die teilweise nur mit zeitlicher Verzögerung erfolgten. Die Preisbildung funktioniere in jedem Land anders. In manchen Märkten gebe es offizielle oder informelle Preisregulierungen bis hin zu Preisdeckeln sowie Selbstverpflichtungen von Unternehmen mit staatlicher Beteiligung. Zudem seien die Möglichkeiten, Produkte zu importieren oder zu exportieren, sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Vierter Mythos: Marktmacht durch vertikale Integration

Ein weiterer Vorwurf laute, es herrsche kein Wettbewerb auf dem Kraftstoffmarkt, da Raffinerieunternehmen und Tankstellen in Deutschland in gleicher Hand seien. Das Gegenteil sei richtig, so der Verbandschef: Mehr als 70 Prozent der Raffineriekapazitäten in Deutschland würden von Unternehmen ohne eigenes Tankstellennetz betrieben. Umgekehrt gehörten rund 65 Prozent aller Tankstellen im Inland zu Unternehmensgruppen, die hier keine Raffinerien betreiben. Aktuelle politische Entscheidungen beruhten daher oft auf falschen Annahmen. Vielmehr habe in den vergangenen Jahren der Grad der vertikalen Integration im Tankstellenmarkt sogar abgenommen.

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Hintergrund: Globale Krise trifft auf lokale Debatte

Der Irankonflikt hat die globale Ölversorgung empfindlich gestört, insbesondere durch die faktische Schließung der Straße von Hormus. Über diese wichtige Seeroute werden sonst etwa ein Fünftel des weltweit verbrauchten Rohöls und der daraus hergestellten Erdölprodukte bewegt. Die Auswirkungen dieser Störung bekommen Verbraucher vor allem an den Tankstellen durch gestiegene Kraftstoffpreise zu spüren. In Deutschland sind die Preise für Benzin und Diesel im Vergleich zu anderen Ländern besonders kräftig gestiegen, was die aktuelle Debatte um mögliche Preistreiberei befeuert.

Christian Küchen äußerte sich nach der Sitzung der Koalitions-Taskforce zu den steigenden Spritpreisen am 16. März. Er betonte, dass die Branche den Unmut der Verbraucher verstehe, jedoch die Ursachen für die Preissteigerungen in den globalen Marktmechanismen und staatlichen Rahmenbedingungen lägen, nicht in mutwilliger Preistreiberei der Unternehmen.