Vocatium Messe in Neubrandenburg: 6500 vorab terminierte Gespräche zwischen Jugendlichen und Unternehmen
Die Ausbildungsmesse Vocatium hat im Neubrandenburger Jahnsportforum mit einem starken Fokus auf den Fachkräftemangel begonnen. Insgesamt 2200 Schülerinnen und Schüler trafen auf 64 ausstellende Unternehmen und Institutionen, wobei im Vorfeld bereits rund 6500 Einzelgespräche organisiert worden waren. Das besondere Konzept der Messe sieht vor, dass Jugendliche gezielt Aussteller auswählen und feste Termine für Beratungsgespräche erhalten.
Oberbürgermeister warnt vor gesellschaftlichen Folgen des Handwerksmangels
Neubrandenburgs Oberbürgermeister Nico Klose nutzte die Eröffnung der Messe für einen deutlichen Appell. „Ich beobachte eine Diskrepanz bei der Nachwuchsgewinnung zwischen kaufmännischen Berufen und dem Handwerk“, sagte Klose. Zwar freue er sich über verbesserte Bezahlung und Ansehen handwerklicher Berufe, dennoch müssten gezielte Formate entwickelt werden. „Wenn das nicht gelinge, werde die Gesellschaft ein echtes großes Problem bekommen“, warnte der Oberbürgermeister und verwies auf lange Wartezeiten bei Handwerksbetrieben als aktuelles Symptom.
Projektleiterin Kerstin Streich bestätigte die Nachfrage im Handwerksbereich: „Das regionale Unternehmensnetzwerk habe Handwerk, Medizin und Pflege unter einem Stand gebündelt – mit vielen realisierten Terminen.“ Insgesamt wurden 2600 Schüler von Dezember bis Februar im Unterricht auf die Messe vorbereitet, 2200 von ihnen erschienen mit fest gebuchten Gesprächsterminen.
Beliebte Berufe: Erzieher, Polizei und neue Trends
Unter den gefragtesten Ausbildungsberufen führt der Erzieherberuf wie im Vorjahr die Liste an, gefolgt vom Polizeivollzugsdienst und Immobilienkaufleuten. Neu in den Top 5 sind:
- Kfz-Mechatroniker für Nutzfahrzeugtechnik
- Schauspieler und Schauspielerin
Im Studienbereich liegen Psychologie und Medizin vorn, während Architektur und Lehramt sich unter die Top 3 geschoben haben. Duale Studiengänge gewinnen kontinuierlich an Bedeutung, wie Kerstin Streich vom veranstaltenden Institut für Talententwicklung (IfT) berichtete.
Fachkräftemangel als strukturelles Problem der Region
Sebastian Bensemann, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK Neubrandenburg, beschrieb den Fachkräftemangel als tiefgreifendes strukturelles Problem. Die jüngste Konjunkturumfrage zeige erneut, dass Fachkräfte und Arbeitskosten zu den fünf größten Risiken für Unternehmen in Ostmecklenburg-Vorpommern gehören.
„Je weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen, umso höher sind auch die Arbeitskosten – das korreliert miteinander“, erklärte Bensemann. Er skizzierte konkrete Alltagsfolgen: „Was passiert, wenn das Lieblingsrestaurant nur noch drei Tage die Woche öffnet, der Einzelhandel Öffnungszeiten einschränkt oder die Logistik ins Stocken gerät?“
Demografische Herausforderungen: Vom Bevölkerungspyramiden zum „Bevölkerungsdöner“
Der IHK-Experte sprach von einem „Bevölkerungsdöner“ statt einer klassischen Bevölkerungspyramide: Weit mehr Menschen würden den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren verlassen als nachrücken. Im vergangenen Jahr habe die Hälfte der Kammer-Unternehmen ihre angebotenen Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen können.
„Dies sei eine Herausforderung nicht nur für Unternehmer, sondern für die ganze Gesellschaft“, bilanzierte Bensemann. Hella Jurich, Geschäftsführerin des IfT, betonte noch einmal das besondere Konzept der terminierten Messegespräche als effektives Instrument gegen den Fachkräftemangel.
Die Vocatium Messe zeigt damit nicht nur aktuelle Trends in der Berufswahl Jugendlicher, sondern macht auch die dringende Notwendigkeit struktureller Lösungen für den Fachkräftemangel in der Region deutlich sichtbar.



