Merz fordert Ausreise von 700.000 Syrern: Droht der deutschen Wirtschaft ein Fachkräfte-Kollaps?
Merz will 700.000 Syrer ausreisen lassen: Wirtschaft in Gefahr?

Merz-Aussage zu syrischen Rückkehrern löst Wirtschaftsalarm aus

Die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU), dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer innerhalb der nächsten drei Jahre ausreisen sollen, hat eine hitzige Debatte über die wirtschaftlichen Konsequenzen entfacht. Aktuell leben mehr als 900.000 syrische Staatsbürger in der Bundesrepublik, was bedeutet, dass über 700.000 Menschen das Land verlassen müssten. Die deutsche Wirtschaft, die bereits unter erheblichen Fachkräfteengpässen leidet, steht damit vor einer zusätzlichen Belastungsprobe.

Arbeitsmarkt ohne Reserve: Syrer in systemrelevanten Berufen

Laut aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind 266.100 Syrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt, inklusive Minijobs arbeiten rund 320.000. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beziffert die Beschäftigungsquote aller syrischen Flüchtlinge auf 47 Prozent, bei Männern sogar auf 70 Prozent – ein Wert, der vergleichbar mit dem deutscher Arbeitnehmer ist. Viele Syrer absolvieren zudem Ausbildungen in technischen Berufen und der Pflege.

Geraldine Dany-Knedlik, Konjunkturchefin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), warnt: „In arbeitsintensiven Sektoren mit bereits heute bestehenden Fachkräfteengpässen – insbesondere Pflege, Gastronomie und Logistik – würde eine substanzielle Rückkehr von Beschäftigten das bestehende Angebotsproblem verschärfen.“ Das System habe keinen „demografischen Puffer“, es gebe kaum Arbeitskräfte, die für die Syrer einspringen könnten.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Logistik und Gesundheitswesen besonders betroffen

Eine IAB-Auswertung aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 21,8 Prozent aller beschäftigten Syrer in Verkehrs- und Logistikjobs tätig sind. Es folgen das Gastgewerbe mit 13,6 Prozent und Fertigungsberufe mit 13,1 Prozent. Bei syrischen Frauen dominieren Erziehungs-, Betreuungs- und Sozialberufe mit 28,8 Prozent, gefolgt von Gesundheitsberufen mit 18,1 Prozent.

Dirk Engelhardt, Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), betont: „Auch wenn der Anteil syrischer Staatsbürger an den Beschäftigten in unserer Branche prozentual eher gering ist, können und wollen wir angesichts des grassierenden Fachkräftemangels auf keinen einzigen von ihnen verzichten, egal ob als Fahrer oder Lagerarbeiter.“

Für das Gesundheitswesen zeichnet sich ein ähnliches Problem ab. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist darauf hin, dass syrische Ärzte mit 5.745 Personen die größte Gruppe unter den ausländischen Medizinern in Kliniken stellen. Zusätzlich arbeiten 2.000 Syrer als Pflegekräfte allein in Krankenhäusern. Henriette Neumeyer, Chefin der Deutschen Krankenhausgesellschaft, erklärt: „Eine Rückkehr zu forcieren, wäre aus Sicht der Gesundheitsversorgung nicht produktiv.“

Qualifizierte Tätigkeiten im Fokus

IAB-Arbeitsmarktexperte Enzo Weber unterstreicht die Bedeutung syrischer Beschäftigter für die deutsche Wirtschaft: „Die Mehrheit arbeitet in qualifizierten Tätigkeiten.“ Diese Feststellung macht deutlich, dass ein massiver Abzug dieser Arbeitskräfte nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Lücken in der Wirtschaft hinterlassen würde.

Die Diskussion um die Ausreiseforderung von Friedrich Merz offenbart somit einen grundlegenden Konflikt zwischen politischen Zielen und wirtschaftlichen Realitäten. Während die Rückkehr von Flüchtlingen in ihre Heimatländer aus humanitären und politischen Gründen begrüßt werden mag, steht die deutsche Wirtschaft vor der Herausforderung, die entstehenden Lücken in systemrelevanten Branchen zu schließen – eine Aufgabe, die angesichts des demografischen Wandels und des bereits bestehenden Fachkräftemangels kaum zu bewältigen scheint.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration