Krankschreibungen in Deutschland: Daten zeigen wahre Ursachen für steigende Fehlzeiten
Krankschreibungen: Daten zeigen wahre Ursachen für Fehlzeiten

Krankschreibungen in Deutschland: Daten enthüllen die wahren Gründe für steigende Fehlzeiten

Seit Jahren ist ein kontinuierlicher Anstieg der Krankschreibungen in Deutschland zu beobachten, der Politik und Wirtschaft zu Forderungen nach strengeren Regeln veranlasst. Eine detaillierte Analyse der verfügbaren Daten zeigt jedoch ein differenziertes Bild: Die meisten Krankheitstage konzentrieren sich auf einen relativ kleinen Teil der Beschäftigten, während gleichzeitig statistische Lücken – insbesondere bei Beamten – die Debatte erschweren.

Die zwei Entwicklungen hinter den steigenden Zahlen

Zwei klare Trends prägen die Entwicklung der Krankschreibungen. Einerseits steigen die Zahlen seit Jahren leicht, aber stetig an. Andererseits gab es 2022 einen abrupten Sprung nach oben, auf den sich viele Kritiker beziehen. Für beide Phänomene existieren plausible Erklärungen.

Den plötzlichen Anstieg nach der akuten Corona-Phase führen viele Beobachter zwar auf vermehrte Atemwegserkrankungen nach den Lockdowns zurück. Doch ein anderer Faktor wiegt deutlich schwerer: Seit 2022 müssen Ärzte Krankschreibungen automatisch an die Krankenkassen übermitteln. Dadurch wurde schlagartig eine große Dunkelziffer sichtbar, die zuvor in den Statistiken fehlte.

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Experten gehen davon aus, dass das tatsächliche Niveau der Krankschreibungen schon früher ähnlich hoch war, es jedoch nicht erfasst wurde. Die telefonische Krankschreibung, die häufig kritisiert wird, spielt hingegen eine untergeordnete Rolle. Von 26,4 Millionen Krankschreibungen wegen Atemwegsinfekten bei AOK-Versicherten entfielen lediglich etwa 145.000 auf telefonische Bescheinigungen – rechnerisch nur 1,5 Prozent.

Langfristige Gründe für mehr Fehlzeiten

Fachleute identifizieren vor allem drei strukturelle Ursachen für den langfristigen Anstieg der Krankschreibungen:

  1. Demografischer Wandel: Die Belegschaften werden älter, und Arbeitnehmer bleiben länger im Beruf, da das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt. Erkrankungen verlaufen im höheren Alter oft schwerer, führen zu längeren Ausfallzeiten und betreffen häufig mehrere Krankheiten gleichzeitig – Mediziner sprechen von Multimorbidität.
  2. Steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen: Frauen sind nicht per se häufiger krank als Männer, aber sie unterliegen höheren Belastungen, da sie sich überproportional um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern. Zudem arbeiten viele Frauen in sozialen Berufen mit hoher psychischer Belastung, die zu längeren Fehlzeiten führen.
  3. Struktureller Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft: Deutschland entwickelt sich zunehmend zu einer Wissens- und Dienstleistungswirtschaft. Während Krankschreibungen wegen Muskel- und Skeletterkrankungen stagnieren, nehmen psychische Erkrankungen kontinuierlich zu – eine Entwicklung, die durch die Anforderungen moderner Arbeitsplätze begünstigt wird.

Blaumachen: Seltenheit oder verbreitetes Phänomen?

Die Debatte um vermeintliches Blaumachen wird durch mangelnde Daten erschwert. Umfragen deuten darauf hin, dass das Fernbleiben von der Arbeit ohne triftigen Grund weniger verbreitet ist als oft angenommen. In einer DAK-Erhebung aus dem Jahr 2024 gaben 92,2 Prozent der Befragten an, nie ohne Grund der Arbeit fernzubleiben.

Zahlen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen unterstützen diese Einschätzung: Von knapp 68 Millionen Krankheitsfällen in den Jahren 2022 und 2023 wurden lediglich 13.648 auf Drängen der Arbeitgeber überprüft; nur in 11,4 Prozent dieser Fälle stellten Ärzte fest, dass keine Arbeitsunfähigkeit vorlag.

Ein statistisches Problem bleibt jedoch: Öffentliche Statistiken erfassen nur attestierte Krankheitstage. Da ein ärztliches Attest gesetzlich erst ab dem vierten Krankheitstag vorgeschrieben ist, bleiben kurzfristige Ausfälle ohne Krankschreibung unsichtbar – eine erhebliche Lücke in der Datenerfassung.

Ungleiche Verteilung der Fehlzeiten

Die Verteilung der Krankheitstage ist stark konzentriert: Rund 80 Prozent aller Fehltage entfallen auf nur 22 Prozent der Beschäftigten. Ein Viertel der Tage geht sogar auf lediglich 1,8 Prozent zurück – meist Menschen mit schweren oder langwierigen Erkrankungen wie Krebs, psychischen Leiden oder Erkrankungen des Bewegungsapparats.

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Junge Arbeitnehmer sind besonders häufig krankgeschrieben, ältere dagegen deutlich länger. Bei 15- bis 19-Jährigen kommen auf 100 AOK-Versicherte rund 444 einzelne Krankschreibungen, bei 55- bis 59-Jährigen nicht einmal halb so viele. Experten erklären dies mit einem riskanteren Lebensstil, mehr sozialen Kontakten und der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bei jüngeren Beschäftigten.

Wer fehlt seltener?

Gutverdiener, hochgebildete Arbeitnehmer und insbesondere Führungskräfte sind seltener krankgeschrieben. Untersuchungen wie die klassischen Whitehall-Studien nennen dafür mehrere Gründe: einen gesünderen Lebensstil mit mehr Sport und besserer Ernährung, mehr finanzielle Mittel für Prävention und ärztliche Versorgung sowie einen körperlich weniger belastenden Alltag.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass Führungskräfte und Topmanager aus Pflichtgefühl, Zeitdruck und der Notwendigkeit ständiger Erreichbarkeit seltener krankgeschrieben sind, aber häufiger trotz Krankheit arbeiten. Ihr größerer Gestaltungsspielraum im Beruf trägt vermutlich dazu bei. Die Kehrseite: Ausgeprägtes Pflichtbewusstsein kann dazu führen, dass Krankheiten verschleppt werden und später zu umso längeren Ausfällen führen.

Statistische Lücken bei Beamten

Bei Beamten und privat Krankenversicherten stoßen Forscher an erhebliche Grenzen. Für rund zehn Millionen Privatversicherte gibt es kaum belastbare Daten, darunter viele Gutverdiener und Beamte. Ob der Krankenstand im öffentlichen Dienst höher ist als in der Privatwirtschaft, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht zuverlässig sagen.

Fehlzeiten-Experten halten es jedoch für nachvollziehbar, dass Verwaltungsangestellte im öffentlichen Dienst häufiger krankgeschrieben sind. Ihre Arbeit sei oft durch Hierarchien, geringe Autonomie und wenig Gestaltungsspielraum geprägt – Faktoren, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken können.