Frauen im Handwerk: Vom Vorurteil zur Vorreiterin – Wie Handwerkerinnen die Branche erobern
Frauen im Handwerk: Vom Vorurteil zur Vorreiterin

Frauen im Handwerk: Vom Vorurteil zur Vorreiterin

Sie baggern, mauern, streichen und bekommen noch immer Gegenwind: Immer mehr junge Frauen erobern klassische Männerberufe im Handwerk. Fünf erfolgreiche Handwerkerinnen erzählen, wie sie den Männern zeigen, wo der Hammer hängt – und warum manchmal nichts motivierender sein kann als ein hartnäckiges Vorurteil.

Der Aufstieg der Frauen im Handwerk

Das deutsche Handwerk klagt seit Jahren über akuten Nachwuchsmangel, denn immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Studium. Dabei bietet der Berufszweig in Zeiten der Künstlichen Intelligenz vergleichsweise sichere Perspektiven. Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass KI Bäder fliest, verstopfte Toiletten repariert oder Dächer deckt. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks blieben im vergangenen Jahr knapp 20 Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt.

Parallel zeichnet sich jedoch ein ermutigender Trend ab: Der Frauenanteil in der Branche nimmt kontinuierlich zu. Mittlerweile sind mehr als 30 Prozent der Beschäftigten weiblich. Neben den traditionell weiblich geprägten Handwerksberufen im kreativen und gestalterischen Bereich erobern Frauen zunehmend auch jene Fachbereiche, die früher reine Männerdomänen waren. Technische Erneuerungen und moderne Maschinen machen es möglich, körperliche Herausforderungen heute leichter zu bewältigen als noch vor einer Generation.

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Etwa ein Sechstel aller erfolgreichen Meisterprüfungen wird mittlerweile von Frauen absolviert. Jeder vierte Handwerksbetrieb wird von einer Frau geführt oder mitgeführt. Doch woher rührt dieses wachsende Interesse von Frauen an klassischen Männerberufen?

Fünf Frauen, fünf Erfolgsgeschichten

Katja Lilu Melder: Die mehrfache Meisterin

Die 43-jährige aus Hamm trägt gleich mehrere Handwerksmeistertitel – Metallbau, Beton- und Abbruchtechnik sowie Sprengmeisterin. Als Chefin eines Unternehmens für Schadstoffsanierung und Entkernung bezeichnet sich Katja Lilu Melder selbst als „Handwerk-Speakerin“. Sie tritt regelmäßig auf Messen auf, um ihre Leidenschaft für das Handwerk zu teilen und kritische Themen anzusprechen. Auf Instagram erreicht sie 33.400 Follower.

„Ich definiere mich nicht über meine Meistertitel, sondern über meine Arbeit und meine Erfahrung“, betont die Frau, die nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolvierte, bevor sie im Handwerk ihre berufliche Heimat fand. Ihr Unternehmen mit 35 Beschäftigten führt sie gemeinsam mit ihrem Mann – genauer gesagt: Er ist ihr Prokurist. „Umgekehrte Welt bei uns“, sagt sie mit einem charakteristischen Lachen.

Im vergangenen Jahr wurde sie vom Deutschen Handwerksblatt zur „Miss Handwerk 2025“ gewählt. Zudem engagiert sie sich als Vorsitzende des Bundesverbands „UnternehmerFrauen im Handwerk“ für Themen wie Mutterschutz für Selbstständige. Ihr Credo lautet: „Die einzige Person, die mir sagen darf, dass ich etwas nicht kann, bin ich selbst.“

Julia Schäfer: Die Influencerin mit Millionen-Followern

Die 32-jährige Maurer- und Betonbaumeisterin aus Kraichtal in Baden-Württemberg weiß, was es heißt, sich durchzubeißen. Nach dem Abitur begann sie zunächst eine Büroausbildung und erwog ein Bauingenieur-Studium, entdeckte dann aber ihre Leidenschaft für die praktische Arbeit auf Baustellen. Heute schleppt sie Steine, steuert Radlader und erreicht auf Instagram unter dem Namen „Tschulique“ beeindruckende 1,1 Millionen Follower.

„Mein Handwerk macht mich glücklich und hat mich selbstbewusst gemacht. Handwerk ist einfach geil“, sagt die blonde Frau mit dem freundlichen Lächeln. Auf TikTok erreichen ihre Videos von der Arbeit teilweise mehr als 20 Millionen Views. Neben ihrer Tätigkeit als Maurermeisterin mischt Julia Schäfer mittlerweile auch in der Modewelt mit: In ihrem Webshop verkauft sie Merchandise-Kleidung unter dem Label „Tschulique“.

Sandra Hunke: Vom „Baumädchen“ zur Buchautorin

Schon als Kind wurde die 33-jährige aus Schlangen in Ostwestfalen von ihrer Mutter „Baumädchen“ genannt, weil sie sich am liebsten in der Werkstatt ihres Vaters aufhielt. Heute arbeitet die verheiratete Mutter einer zweijährigen Tochter als angestellte Anlagenmechaniker-Gesellin und baut Bäder und Heizungen.

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Bereits 2012 begann sie, auf Facebook Einblicke in ihre Lehrzeit zu geben. Heute hat sie auf Instagram 321.000 Follower. Ihr 2025 erschienenes Buch „Ich zeig euch, wo der Hammer hängt!“ schaffte es auf die Spiegel-Bestsellerliste. Zudem entwirft und produziert sie Handwerksmode für Frauen unter ihrem Label „Baumädchen“. Für dieses Jahr hat sie sich ein besonderes Projekt vorgenommen: den Bau eines Sechs-Parteien-Hauses – ausschließlich mit weiblichen Fachkräften.

Cindy Speich: Die „Selfmade-Bauleiterin“

Ihre Bekanntheit verdankt die 30-jährige aus Schmalkalden in Thüringen dem Hass, der ihr in sozialen Medien entgegenschlug. Die gelernte Friseurin und Mutter von zwei Kindern begann, die Sanierung ihres Hauses auf Social Media zu dokumentieren. Als ein Nutzer namens „Lukas“ öffentlich Zweifel äußerte, ob sie den gezeigten Sichtschutz tatsächlich selbst gebaut habe, beschloss sie: „Jetzt reicht's.“

Fortan verwandelte sie herablassende Kommentare mit Witz und Selbstironie in Content, der ihre Followerzahl auf heute eine Million ansteigen ließ. „Ich mache aus Scheiße Gold“, beschreibt sie ihre Strategie. Mittlerweile können sie und ihr Mann von ihrem Instagram-Account leben. Dabei geht es Cindy Speich heute weniger ums Bauen selbst, sondern vor allem um das Thema Gleichberechtigung.

Jessica Jörges: Die Weltklasse-Malerin

Die 28-jährige Maler- und Lackiermeisterin aus Dreieich in Niedersachsen kennt ihren Beruf von klein auf. Ihre Eltern führen einen Malerbetrieb in dritter Generation. Nach ihrem Abitur 2016 entschied sie sich schließlich doch, die Familientradition fortzusetzen – eine Entscheidung, die sie nie bereut hat.

Ihre Karriere verlief rasant: 2018 beendete sie ihre Ausbildung als Innungsbeste, wurde Landesbeste und siegte schließlich beim Bundeswettbewerb. Als Mitglied des Maler-Nationalteams erreichte sie bei der Weltmeisterschaft 2019 in Kasan Rang fünf und ist seither die fünftbeste Malerin der Welt. „Ich wollte mir selbst etwas beweisen“, sagt sie im Rückblick auf ihre beeindruckende Laufbahn.

Handwerk im digitalen Zeitalter

Die fünf Porträts zeigen deutlich: Das Handwerk befindet sich im Wandel. Technische Innovationen erleichtern körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten, während soziale Medien neue Wege der Vernetzung und Selbstdarstellung eröffnen. Die erfolgreichen Handwerkerinnen nutzen diese Möglichkeiten, um nicht nur ihren Beruf auszuüben, sondern auch um als Influencerinnen und Vorbilder zu wirken.

Gleichzeitig machen ihre Geschichten deutlich, dass Vorurteile und stereotype Denkmuster noch immer existieren. Doch genau diese Herausforderungen scheinen viele Frauen zusätzlich zu motivieren. Wie Katja Lilu Melder es formuliert: „Die einzige Person, die mir sagen darf, dass ich etwas nicht kann, bin ich selbst.“ Diese Einstellung verbindet die porträtierten Frauen und macht sie zu Pionierinnen in einer sich wandelnden Branche.

Das Handwerk bietet heute nicht nur sichere berufliche Perspektiven, sondern auch Raum für persönliche Entfaltung und gesellschaftlichen Einfluss. Die steigende Zahl von Frauen in traditionellen Männerberufen zeigt, dass geschlechtsspezifische Berufswahlmuster zunehmend an Bedeutung verlieren – zugunsten von individueller Leidenschaft, Talent und Durchsetzungsvermögen.