Hallesche Forscher widerlegen Merz: Teilzeit ist selten Lifestyle-Entscheidung
Die Wissenschaftler des Instituts für Sozialforschung Halle zeigen sich irritiert über die jüngsten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zum Thema Teilzeitarbeit. Die Forscher aus Halle legen dar, warum viele Menschen gar nicht anders können, als in Teilzeit zu arbeiten, und widerlegen damit die These von der angeblich hohen Quote der Lifestyle-Teilzeit.
Irritation über politische Aussagen
Diplomsoziologin Sabine Böttcher äußert sich deutlich: „Mich machen solche Aussagen wütend, denn es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum jemand in Teilzeit arbeitet.“ Gemeinsam mit ihren Kollegen Thomas Ketzmerick und Susanne Winge arbeitet sie am Zentrum für Sozialforschung Halle und kann erklären, warum viele Menschen nicht aus freien Stücken, sondern aus Notwendigkeit in Teilzeit arbeiten.
Familiäre und pflegerische Gründe dominieren
Die Forscher betonen, dass Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen ohne verkürztes Arbeiten oft nicht möglich ist. Die angeblich hohe Quote der Lifestyle-Teilzeit ist tatsächlich gering, wie die Wissenschaftler aus Halle in ihren Studien nachweisen. Viele Teilzeitbeschäftigte stehen vor der Herausforderung, Beruf und familiäre Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen, was eine Vollzeitstelle häufig unmöglich macht.
Soziale Realitäten versus politische Rhetorik
Die Diskussion um Lifestyle-Teilzeit greift nach Ansicht der Halleschen Forscher zu kurz. Sie weisen darauf hin, dass strukturelle Faktoren wie unzureichende Betreuungsangebote oder mangelnde Unterstützungssysteme für Pflegende die Entscheidung für Teilzeitarbeit maßgeblich beeinflussen. „Viele Menschen haben gar keine andere Wahl“, so ein zentrales Ergebnis ihrer Forschung.
Die Wissenschaftler fordern eine differenziertere Betrachtung des Themas, die die vielfältigen Lebensrealitäten der Beschäftigten berücksichtigt, statt pauschale Urteile über vermeintliche Lifestyle-Entscheidungen zu fällen.



