China gilt nicht als Einwanderungsland. Und doch könnte ausgerechnet die Volksrepublik bald vor einer Frage stehen, die viele westliche Gesellschaften seit Jahrzehnten beschäftigt: Wer soll künftig die Arbeit machen? Chinas Bevölkerung schrumpft massiv. Nach Projektionen der Vereinten Nationen könnte sie von rund 1,42 Milliarden im Jahr 2021 auf etwa 1,26 Milliarden im Jahr 2050 sinken – über drei Jahrzehnte wären das 160 Millionen Menschen weniger.
Die unterschätzten Folgen des demografischen Wandels
Die Konsequenzen werden oft unterschätzt: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt, während die Zahl der Rentner steigt. Das Land verliert damit jene Ressource, auf der sein wirtschaftlicher Aufstieg beruhte: die große Reserve an günstigen Arbeitskräften. Lange konnte China das durch Binnenmigration abfedern. Hunderte Millionen Menschen zogen vom Land in die Städte und füllten Fabriken, Baustellen und Büros. Doch dieser Puffer wird kleiner. Viele ländliche Regionen sind bereits ausgedünnt. Der Anteil der ländlichen Bevölkerung ist von 63,6 Prozent zur Jahrtausendwende auf 34,1 Prozent im Jahr 2024 gesunken.
Peking setzt auf Technologie als Ausweg
Peking setzt deshalb auf Technologie. Roboter und Künstliche Intelligenz (KI) sollen Produktivitätssprünge ermöglichen und fehlende Arbeitskräfte ersetzen. China installiert heute mehr Industrieroboter als jedes andere Land. In manchen Fabriken laufen bereits weitgehend automatisierte Produktionslinien. Doch Roboter können nicht alle Bereiche abdecken. Besonders in der Pflege und bei vielen persönlichen Dienstleistungen stoßen sie an Grenzen. Hier sind menschliche Arbeitskräfte weiterhin unverzichtbar.
Die verdrängte Debatte über Einwanderung
Letztlich steht eine grundlegende Debatte an, die Peking bislang meidet: Soll China seine Einwanderungspolitik öffnen? Bisher ist das Land stolz auf seine ethnische Homogenität und hat nur sehr begrenzte Zuwanderung zugelassen. Doch der wachsende Arbeitskräftemangel könnte eine Neubewertung erzwingen. Während westliche Länder seit Jahrzehnten über Integration und Fachkräftezuwanderung diskutieren, vermeidet China dieses Thema. Die Alterung der Gesellschaft schreitet jedoch unaufhaltsam voran, und die Zeit für eine Lösung wird knapp.
Roboter als Teil der Lösung, nicht als Allheilmittel
Die zunehmende Automatisierung wird helfen, aber sie wird nicht alle Lücken schließen können. Insbesondere die Pflege alter Menschen erfordert Empathie und menschliche Zuwendung, die Maschinen nicht bieten können. Auch im Dienstleistungssektor bleiben viele Tätigkeiten, die schwer zu automatisieren sind. China steht daher vor einer strategischen Weichenstellung: Entweder es öffnet sich für Einwanderung oder es akzeptiert ein langsameres Wirtschaftswachstum und eine Überlastung des Sozialsystems. Die Antwort auf diese Frage wird die Zukunft des Landes maßgeblich prägen.



