Zehn Jahre nach dem historischen Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 zeigen neue Berechnungen: Der Austritt aus der Europäischen Union hat der britischen Wirtschaft massiv geschadet. Laut einer Analyse des Ökonomen John Springford vom Centre for European Reform (CER) liegt das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) Ende 2025 rund fünf Prozent niedriger, als es ohne Brexit der Fall gewesen wäre. Das entspricht einem jährlichen Verlust von etwa 130 Milliarden Pfund (rund 150 Milliarden Euro).
Weniger Investitionen und Handel
Die Studie vergleicht die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens mit einem synthetischen Gegenstück, das auf dem Durchschnitt vergleichbarer Länder basiert. Springford zufolge sind die Investitionen in Großbritannien seit dem Referendum um rund 23 Prozent hinter dem Vergleichswert zurückgeblieben. Auch der Handel mit der EU habe deutlich gelitten: Die Exporte britischer Waren in die EU seien 2024 etwa 30 Prozent niedriger ausgefallen als im hypothetischen Szenario ohne Brexit.
„Der Brexit hat die britische Wirtschaft nachhaltig geschwächt“, sagte Springford dem SPIEGEL. „Die Kosten sind höher als jede noch so optimistische Prognose vor dem Referendum.“ Besonders betroffen seien Branchen wie die Automobilindustrie und die Finanzdienstleistungen, die stark auf den EU-Binnenmarkt angewiesen seien.
Großbritannien schneidet besser ab als Deutschland
Trotz der Brexit-Schäden zeigt ein Vergleich mit Deutschland überraschende Ergebnisse. Während die britische Wirtschaft 2024 um 0,1 Prozent wuchs, schrumpfte die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozent. Auch die Arbeitslosenquote liegt in Großbritannien mit 4,2 Prozent niedriger als in Deutschland (5,7 Prozent). Die Inflation ist mit 2,5 Prozent ebenfalls geringer als die deutschen 3,1 Prozent.
„Großbritannien hat nach dem Brexit eine Reihe von Strukturreformen durchgeführt, die das Land wettbewerbsfähiger gemacht haben“, erklärt Ökonom Julian Jessop von der Denkfabrik Institute of Economic Affairs. „Die Deregulierung im Finanzsektor und Steuersenkungen haben Investitionen aus Nicht-EU-Ländern angezogen.“ Allerdings warnt Jessop: „Die langfristigen Kosten des Brexit überwiegen diese kurzfristigen Vorteile bei weitem.“
Politische Folgen und öffentliche Meinung
Das Brexit-Referendum hat auch tiefe politische Gräben hinterlassen. Laut einer Umfrage von YouGov aus dem Juni 2026 glauben inzwischen 55 Prozent der Briten, dass der Austritt ein Fehler war – ein Rekordwert. Nur 32 Prozent halten ihn für richtig. Die wirtschaftlichen Nachteile sind der Hauptgrund für die wachsende Unzufriedenheit.
Premierminister Keir Starmer von der Labour-Partei, der 2024 ins Amt kam, hat eine Annäherung an die EU eingeleitet, aber einen erneuten Beitritt ausgeschlossen. „Wir müssen das Beste aus unserer Situation machen“, sagte Starmer kürzlich im Parlament. „Aber wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass der Brexit unser Land ärmer gemacht hat.“
Fazit: Langfristige Schäden überwiegen
Die wirtschaftliche Bilanz zehn Jahre nach dem Referendum ist eindeutig: Der Brexit hat Großbritannien Wohlstand gekostet. Die Prognosen von Befürwortern eines Austritts, die einen wirtschaftlichen Aufschwung versprachen, haben sich nicht erfüllt. Stattdessen kämpft das Land mit Handelsbarrieren, Fachkräftemangel und geringeren Investitionen. Dass Großbritannien in manchen Bereichen besser dasteht als Deutschland, liegt vor allem an Deutschlands eigenen Problemen – etwa der Abhängigkeit von Exporten und der Energiepolitik – und nicht an den Vorteilen des Brexit.



