Ein Funkgerät lag auf dem Tisch, mitten im vollen Laden. Kein Besitzer war in Sicht. In anderen Geschäften wäre es vielleicht hinter dem Tresen gelandet, neben vergessenen Schirmen und Einkaufstaschen. Olga aber trug es nach draußen und rief die Polizei. Es war wenige Monate nach dem 7. Oktober 2023, und in einem koscheren Lebensmittelmarkt ist ein herrenloses Funkgerät kein harmloser Gegenstand mehr.
Die Bedrohungslage für jüdische Einrichtungen
Seit dem Angriff der Hamas auf Israel und dem anschließenden Krieg im Gazastreifen hat sich die Sicherheitslage für jüdische Einrichtungen in Deutschland drastisch verschärft. Die Polizei verzeichnet eine Zunahme antisemitischer Vorfälle, und die Angst in der jüdischen Gemeinschaft ist spürbar. In diesem Klima wurden nun Ermittlungen gegen einen Mann bekannt, der im Auftrag der iranischen Revolutionsgarden jüdische Orte in Berlin ausgespäht haben soll – darunter auch Lebensmittelgeschäfte, die koschere Produkte anbieten.
Die Reaktion der Ladenbetreiber
Die Betreiber koscherer Läden zeigen sich trotz der Bedrohung entschlossen. „Sich verstecken bringt nichts“, sagt einer von ihnen. Sie wollen ihren Alltag nicht von Angst bestimmen lassen, sondern weiterhin ihre Produkte anbieten und die Gemeinschaft versorgen. Gleichzeitig sind sie wachsam geworden. Die Polizei hat ihre Präsenz verstärkt, und viele Geschäfte haben Sicherheitsmaßnahmen erhöht, etwa durch Videoüberwachung oder Alarmanlagen.
Olga, die das Funkgerät fand, arbeitet in einem kleinen Feinkostladen in Berlin-Charlottenburg. Sie berichtet, dass die Stimmung unter den Kunden angespannt sei. Manche meiden den Laden aus Sorge, andere kommen gezielt, um Solidarität zu zeigen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt sie. „Aber wir sind vorsichtig.“
Die Rolle der iranischen Revolutionsgarden
Die iranischen Revolutionsgarden gelten als eine der mächtigsten und zugleich geheimnisvollsten Organisationen im Iran. Sie sind nicht nur für die innere Sicherheit zuständig, sondern auch für Auslandseinsätze und Spionage. Der Verdacht, dass sie gezielt jüdische Einrichtungen in Berlin ausspähen, zeigt, wie weit die Bedrohung reicht. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen, was auf eine hohe politische Brisanz hindeutet.
Bislang gibt es keine Hinweise auf konkrete Anschlagspläne, aber die Behörden nehmen die Hinweise ernst. Die jüdische Gemeinschaft in Berlin fordert mehr Schutz und eine konsequente Verfolgung der Täter. Die Politik hat reagiert: Innenministerin Nancy Faeser kündigte eine verstärkte Überwachung iranischer Diplomaten und eine härtere Gangart gegenüber Teheran an.
Alltag zwischen Normalität und Vorsicht
Trotz der angespannten Lage versuchen die Betreiber der koscheren Läden, ihren Betrieb so normal wie möglich zu führen. Sie öffnen täglich, beliefern Kunden und feiern jüdische Feste. Doch die Unsicherheit bleibt. „Manchmal frage ich mich, ob der Kunde an der Kasse wirklich nur einkaufen will“, gesteht ein anderer Ladenbesitzer. „Aber wir können nicht in ständiger Angst leben.“
Die Polizei rät zu erhöhter Wachsamkeit, aber auch zu Gelassenheit. „Lassen Sie sich nicht verunsichern“, sagt ein Sprecher. „Melden Sie verdächtige Beobachtungen, aber führen Sie Ihr Leben weiter.“ Genau das tun die Betreiber: Sie bleiben standhaft, trotz Spionen und Funkgeräten auf dem Tisch.



