Die jüdische Bäckerei „Babka & Krantz“ in Berlin-Friedenau hat ihre Türen für immer geschlossen. In einer zweiseitigen Erklärung, die am Eingang des Geschäfts in der Hackerstraße aushängt, nennen die Inhaber finanzielle Schwierigkeiten, Probleme durch Bauarbeiten vor dem Café und „anhaltende verbale Angriffe“ als Gründe für die Schließung.
Hintergründe der Schließung
Die Inhaber, Shahar Elkin und Marcin Dawid Liera-Elkin, hatten bereits seit Monaten über antisemitische Vorfälle und die langwierigen Bauarbeiten vor ihrem Laden berichtet. Bei einem Besuch der Berliner Morgenpost im Oktober 2025 beklagten sie sich zudem über mangelnde Unterstützung durch die Bezirksverwaltung. Unbezahlte Rechnungen von Großkunden hätten ihre finanzielle Lage weiter verschlechtert. „Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch“, sagte Liera-Elkin damals.
Letzte Rettung gescheitert
Offenbar haben Elkin und Liera-Elkin nun die Notbremse gezogen. Seit dem 1. Juni ist die Bäckerei geschlossen – und wird voraussichtlich nicht wieder öffnen. Auf der Terrasse stehen noch Tische und Stühle, aber die Sonnenschirme sind zusammengeklappt, die Rollläden heruntergelassen. Nur die Erklärung an der Glastür gibt Aufschluss über das Aus. Ehemalige Kunden, die am Montag vor der Bäckerei standen, zeigten sich tief betroffen. Ein Kunde nannte es „eine Schande“, eine andere sprach von „einem schmerzhaften Verlust für die Nachbarschaft“. Die Inhaber waren bis Dienstagmittag für die Morgenpost nicht erreichbar.
Finanzprobleme, Bauarbeiten und Anfeindungen
Aus der veröffentlichten Erklärung geht jedoch hervor, dass mehrere Faktoren zu der Schließung geführt haben. Darin heißt es: „Wie sollten wir unsere Arbeit fortsetzen, wenn vierzehn Monate lang eine Baustelle den Zugang zu unserem Geschäft blockierte und es weniger sichtbar machte, während wir ständigen verbalen Anfeindungen ausgesetzt waren?“ Die Inhaber hätten mehrfach den Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Jörn Oltmann, um Hilfe bei dem Baustellenproblem gebeten, jedoch ohne Erfolg. Sie kritisierten den langen Stillstand auf der Baustelle. Aufgrund der Einschränkungen hätten sie „fast alle Laufkundschaft“ verloren.
Reaktion des Bürgermeisters
In einer Antwort an die Morgenpost erklärte Bürgermeister Oltmann, er verstehe die Frustration der Inhaber. Er habe sich mehrfach „persönlich ein Bild von der Situation vor Ort gemacht“ und mit dem Bauleiter telefoniert. Er fügte jedoch hinzu: „Da es sich nicht um ein Bauprojekt des Bezirksamtes handelt und kein Rechtsverstoß vorliegt (...), kann das Bezirksamt in einer solchen Situation leider nicht mehr tun.“ „Babka & Krantz“ sei ein wichtiger und sichtbarer Teil des jüdischen Lebens im Bezirk gewesen. Sein Verschwinden hinterlasse eine spürbare Lücke, so Oltmann.
Antisemitische Vorfälle
Der Ort war jedoch auch zunehmend Bedrohungen ausgesetzt. Im März soll es vor der Bäckerei einen „Angriff“ gegeben haben. Nach Angaben der Inhaber konnte der mutmaßliche Täter fliehen, wurde aber später bei einem zweiten Vorfall von der Polizei gefasst. Weitere Details zu dem Angriff nannten die Inhaber nicht. Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll der Mann vor der Bäckerei den Hitlergruß gezeigt und Beleidigungen gerufen haben.
Bereits bei dem Besuch der Morgenpost im Oktober hatten die Inhaber über antisemitische Angriffe gesprochen – nicht nur in der Nähe der Bäckerei. „Wir haben in unserem Privatleben zahlreiche verbale und körperliche Angriffe erlebt und hass erfüllte Briefe und Anrufe erhalten“, sagte Marcin Dawid Liera-Elkin damals. Auch ihr Auto sei beschädigt worden.
„Babka & Krantz“: Erste jüdische Meisterbäckerei in Berlin
Shahar Elkin kam 2012 nach Berlin, lernte Deutsch und schloss 2019 seine Ausbildung zum Konditormeister ab. 2022 eröffnete er gemeinsam mit seinem Ehemann Marcin Dawid Liera-Elkin „Babka & Krantz“. Damit war es die einzige jüdische Meisterbäckerei in Berlin. „Wenn das keine Integrationserfolgsgeschichte ist, dann wissen wir auch nicht“, schreiben die Inhaber. Zwischenzeitlich betrieben sie sogar ein zweites Café direkt neben dem Haus der Wannseekonferenz.
Als sie ihr Geschäft eröffneten, waren die meisten jüdischen Backwaren und ihre Namen aus dem kollektiven Gedächtnis und Wortschatz Berlins verschwunden. Das wollten sie ändern. Ihre Arbeit hatte auch eine politische Mission: „Wir glaubten, dass Demokratie nur funktioniert, wenn wir die Türen öffnen. Deshalb haben wir mit euch Brot gebrochen.“ Vorerst ist das zu Ende.
Am Ende ihrer Erklärung danken die Inhaber den Kunden für „wunderbare dreieinhalb Jahre“, entschuldigen sich aber auch „für die Dinge, die nicht so gut gelaufen sind“ – und schließlich „für unsere Nervosität“.



