Bei einem russischen Großangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht zum Donnerstag sind nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko mindestens 13 Menschen getötet und 34 weitere verletzt worden. Klitschko sprach auf dem Kurznachrichtendienst Telegram von den „verheerendsten Angriffen des Feindes auf die Hauptstadt“ seit Kriegsbeginn. „Es war eine schreckliche Nacht für Kiew. Der massive Feindangriff traf die Hauptstadt mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen“, schrieb er. Für Freitag rief er einen Trauertag aus: Die Flaggen sollen auf Halbmast gesetzt werden, jegliche Unterhaltungsveranstaltungen sind verboten.
Russland setzte 74 Raketen und 496 Drohnen ein
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland bei dem Angriff 74 Raketen und 496 Drohnen ein. Die Luftabwehr habe die meisten davon abgeschossen, jedoch hätten 25 ballistische Raketen und zwölf Drohnen insgesamt 33 Ziele getroffen. Mehrere Wohnhäuser wurden zerstört. Die Rettungshelfer suchen weiter nach Toten und Verletzten unter den Trümmern. Nach einem Direkttreffer seien die ersten sechs Stockwerke eines großen Wohnhauses eingestürzt. Unter den Verletzten seien auch Rettungskräfte einer Ambulanzstation, teilte Klitschko mit.
Der Leiter der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, erklärte, Wohngebäude seien getroffen worden, in einem Hotel im Stadtzentrum sei ein Brand ausgebrochen. Im gesamten Stadtgebiet seien etwa drei Dutzend Orte beschädigt worden. Ein Reuters-Augenzeuge berichtete von mehreren schweren Explosionen. Das russische Verteidigungsministerium sprach von Vergeltung für ukrainische Angriffe auf die zivile Infrastruktur.
EU-Außenbeauftragte Kallas kündigt neue Sanktionen an
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat nach den jüngsten russischen Angriffen auf Kiew und andere ukrainische Städte neue Sanktionsvorschläge angekündigt. „Heute werde ich als Reaktion auf die Angriffe vorschlagen, weitere Einrichtungen und Unternehmen zu sanktionieren, die den russischen militärisch-industriellen Komplex unterstützen“, teilte sie mit. Auf der Plattform X schrieb sie: „Je stärker Moskau Zivilisten angreife, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden.“ „Verurteilungen allein werden die Angriffe auf Kiew nicht stoppen“, erklärte Kallas. „Nur eine anhaltende militärische Unterstützung der Ukraine und ein erhöhter Druck auf Moskau können das erreichen.“ Man werde den Preis für Russland weiter erhöhen, bis Moskau verstehe, dass es diesen Krieg nicht gewinnen könne. Details zu den neuen Sanktionsvorschlägen nannte Kallas zunächst nicht.
Ukraine attackiert Raffinerie an der Wolga
Die Ukraine hat eine Raffinerie in der Wolgaregion Nischni Nowgorod angegriffen. Entsprechende Medienberichte bestätigte der Gouverneur des russischen Gebiets, Gleb Nikitin, indirekt, als er bei Telegram von „unbedeutenden Schäden an einem Industrieobjekt und an mehreren Wohnhäusern“ durch herabfallende Drohnentrümmer schrieb. Seinen Angaben nach ist durch den Angriff ein Mensch ums Leben gekommen und vier weitere wurden verletzt. In sozialen Netzwerken kursierende Bilder und Videos zeigen einen Brand, der von der Ölraffinerie in Kstowo, einer Stadt etwa 30 Kilometer südöstlich von Nischni Nowgorod, stammen soll. Die zum Ölkonzern Lukoil gehörende Verarbeitungsanlage ist eine der größten in Russland.
Die Ukraine hat zuletzt ihre Angriffe auf Ziele tief in Russland verstärkt und dabei vor allem die Energie-Infrastruktur ins Visier genommen. Dies führte zu Treibstoffengpässen in Russland, wodurch der drittgrößte Ölproduzent der Welt zu Benzinimporten gezwungen wurde. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP wurden seit März mehr als 50 Angriffe auf Ölraffinerien, Lager, Terminals und andere Energieinfrastruktur in Russland und auf der Krim gezählt. Gary Peach, Ölmarktanalyst beim Fachinformationsdienst Energy Intelligence, sagte der AP, die Menge des im Juni von Russland zu Treibstoff verarbeiteten Rohöls sei im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel auf 3,95 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen – der niedrigste Wert in 20 Jahren. Die Produktion von Benzin sei um 17 Prozent auf 850.000 Barrel täglich zurückgegangen, weit unter dem Bedarf für den heimischen Markt.
Denkfabrik: Russische Verluste steigen schneller als die der Ukrainer
US-Kriegsexperten zufolge haben die ukrainischen Verteidiger im Abwehrkampf gegen Russland zuletzt bemerkenswerte Erfolge erzielt und die Verluste des Gegners stark in die Höhe getrieben. Laut einem Lagebericht der in Washington ansässigen Denkfabrik CSIS (Center for Strategic and International Studies) machen der russischen Armee neben ihrer stotternden Bodenoffensive und vereinzelten Geländegewinnen der Ukrainer vor allem die zunehmenden Gefallenenzahlen in den eigenen Reihen zu schaffen. Insgesamt seien seit Kriegsbeginn im Februar 2022 rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst gemeldet worden, heißt es in dem Bericht – allein 1,4 Millionen davon auf russischer Seite. Während das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten die meiste Zeit über bei 2:1 oder 3:1 gelegen habe, sei es im ersten Halbjahr 2026 schätzungsweise auf 8:1 gestiegen. Hauptgrund dafür sei der verstärkte und äußerst wirkungsvolle Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite seien es 125.000 bis 150.000. Ende Januar hatte die Bilanz noch bei etwa 325.000 getöteten Russen und 100.000 bis 140.000 Ukrainern gestanden. Inzwischen übersteige die monatliche Zahl der russischen Verluste auch die der Neurekrutierungen, hieß es weiter.
Selenskyj warnt vor massivem Angriff – Rückkehr aus Dublin
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Vortag vor einem massiven russischen Angriff gewarnt. Bei einer Pressekonferenz in Dublin sagte er, Russland bereite einen weiteren massiven Angriff mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen vor. „Heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs“, sagte Selenskyj. Er werde direkt nach der Pressekonferenz rasch in die Ukraine zurückkehren. Die Menschen in seinem Land rief er auf, Alarmsignale zu beachten und Schutzräume aufzusuchen.
Weitere Angriffe auf Odessa und Charkiw
Bei einem russischen Raketenschlag im südukrainischen Gebiet Odessa wurden mindestens zwei Menschen getötet und 13 verletzt, teilte Militärgouverneur Oleh Kiper auf Telegram mit. In der ostukrainischen Großstadt Charkiw gab es nach Behördenangaben ebenfalls mindestens zwei Tote und ein Dutzend Verletzte durch russische Gleitbombenangriffe. Bürgermeister Ihor Terechow berichtete von fünf Einschlägen in zwei Stadtteilen.



