Andrés Escobar: Das tödlichste Eigentor der Fußballgeschichte
Andrés Escobar: Das tödlichste Eigentor der Fußballgeschichte

Der Mord an Andrés Escobar – ein Symbol für die Macht der Drogenkartelle

Am 2. Juli 1994 ereignete sich einer der dunkelsten Momente der Fußballgeschichte. Andrés Escobar, Verteidiger der kolumbianischen Nationalmannschaft, wurde wenige Tage nach dem Aus seiner Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten mit sechs Schüssen vor einem Nachtklub ermordet. Zehn Tage zuvor hatte er im Gruppenspiel gegen den Gastgeber einen Ball ins eigene Tor abgefälscht, das Spiel endete 1:2 aus Sicht der Kolumbianer. Obwohl sie als Mitfavoriten ins Turnier gestartet waren, war nach der Gruppenphase bereits Schluss. Ausgerechnet der „Caballero del Fútbol“ wurde zum Sündenbock – ein Mann, der als „Gentleman des Fußballs“ für Fairness und Anstand bekannt war.

Auftraggeber für Escobar-Mord wurde dieses Jahr erschossen

Der Schütze war ein Mann, der für mächtige kolumbianische Drogenbosse gearbeitet hatte. Durch das vorzeitige WM-Aus sollen Leute um Santiago Gallón Henao bei Wettgeschäften enorme Summen verloren haben. Ausgerechnet dieser Santiago Gallón Henao, der zusammen mit seinem Bruder in der Mordnacht mit Escobar aneinandergeraten war, ehe ihr Fahrer die Schüsse abfeuerte, wurde Anfang Februar dieses Jahres in Mexiko getötet. Womit dieses Trauma einmal mehr präsent wurde.

„Mit diesem Vorfall und der WM in den USA kommen natürlich wieder die Erinnerungen hoch“, sagt Stefan Rinke, Professor für die Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Er hat sich intensiv mit der Macht der kolumbianischen Kartelle in den Achtziger- und Neunzigerjahren beschäftigt. Acht Spieler des aktuellen WM-Kaders waren schon geboren, als sich das Attentat ereignet hatte. In den letzten Wochen und Monaten seien viele zum ersten Mal so richtig mit diesen Vorkommnissen Anfang der Neunzigerjahre konfrontiert worden, sagt Rinke. „Viele junge kolumbianische Spieler sind bereits in frühen Jahren in europäische Akademien gewechselt und haben weniger enge Verbindungen zur Heimat als frühere Generationen“, sagt der Lateinamerika-Experte.

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Fußball als Statussymbol und Geldwaschmaschine

Zur Zeit des Attentats war Fußball nicht nur Sport, „sondern auch ein Statussymbol, eine Geldwaschmaschine und eine Bühne, wo allerlei Emotionen ausgehandelt wurden“, fasst Rinke die Situation des Fußballs von damals zusammen. Escobars Ermordung zeigte der Weltöffentlichkeit, dass die Kartelle nicht nur Politik, Wirtschaft und Polizei, sondern auch den Alltag wie Popkultur und Fußball längst durchdrungen hatten. „Diese Tat hat das besonders greifbar gemacht“, sagt Rinke.

Der Verein América de Cali stand in direktem Zusammenhang mit dem Cali-Kartell, der mächtigsten Organisation im Zusammenhang mit Drogengeschäften zu dieser Zeit, die mit der Produktion und dem Schmuggel von Kokain gewaltige Summen umsetzte und brutal gegen Widersacher vorging. Von 1999 bis 2013 stand der Fußballverein wegen dieser Verbindung auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums. Weil sich der 15-fache kolumbianische Meister neu ausrichtete, steht er seitdem nicht mehr unter besonderer Beobachtung.

„Die Verflechtung ist diskreter, aber nicht verschwunden“

Nach Rinkes Kenntnis weisen einige Berichte aus der jüngeren Vergangenheit aber auf nach wie vor enge Verbindungen zwischen kriminellen Netzwerken und dem Fußballumfeld hin. „Die Verflechtung ist diskreter, aber nicht verschwunden“, sagt er. Risiken bestünden bei Investoren, Sponsoren, Spielvermittlern und illegalen Wetten immer. Für den Lateinamerika-Kenner gilt die strukturelle Ungleichheit in Kolumbien als Nährboden, „der das Drogenproblem langfristig am Leben hält“.

Kolumbien ist heute vor allem Produzent und Teil der Transportrouten. Die dominanten Akteure im transnationalen Drogengeschäft sind mexikanische Kartelle. Wie in den verschiedenen „Narcos“-Serien auf Netflix dargestellt, hat in den Neunzigerjahren eine Machtverschiebung in Richtung Norden stattgefunden, wo heute die mächtigsten Akteure beheimatet sind. „Kolumbien ist heute vor allem Produzent und Teil der Transportrouten“, sagt Rinke. „Die dominanten Akteure im transnationalen Drogengeschäft sind mexikanische Kartelle.“

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Bevor die WM in der vergangenen Woche eröffnet wurde, stand immer wieder zur Diskussion, inwieweit die mächtigen mexikanischen Kartelle eine Gefahr für Zuschauende, Sportler und Funktionäre darstellen. Für die kolumbianischen Schlachtenbummler ist das kein Hinderungsgrund, sich nach Mexiko aufzumachen, um ihr Team zu unterstützen. Aus sportlicher Sicht ist die Gelegenheit schließlich so gut wie lange nicht, das Nationalteam bei einer WM live anzufeuern. „Mexiko ist vielleicht ein Gegengewicht gegen dieses völlig überdrehte Spektakel, was da in den USA stattfindet“, sagt Rinke über den Reiz für viele Menschen aus lateinamerikanischen Ländern. Wenngleich die Ticketpreise auch hier ungewöhnlich hoch sind. Wie die Fans vieler anderer Länder drohen auch den Anhängern des kolumbianischen Teams Probleme bei der Einreise in die USA – das dritte Vorrundenspiel gegen Portugal wird in Miami stattfinden.