Odessas Drohnenjäger: Wie eine Handvoll Soldaten die Stadt schützt
Odessas Drohnenjäger: Wie eine Handvoll Soldaten die Stadt schützt

Eine kleine Crew in einem unscheinbaren Transporter am Rande von Odessa jagt russische Shahed-Drohnen, die fast täglich die Stadt am Schwarzen Meer angreifen. Die ukrainischen Verteidiger setzen dabei neuartige, extrem schnelle Abfangdrohnen ein, die nur rund 2000 Dollar kosten und eine Trefferquote von 90 bis 95 Prozent erzielen. Das berichtet der SPIEGEL in einem Video über die Drohnenjäger von Odessa.

Technologie der Abfangdrohnen

Navigator Demon erklärt: „Das sind Multirotor-Drohnen, die senkrecht starten. In der Luft kippen sie dann in die Horizontale und beschleunigen auf über 300 Kilometer pro Stunde. So kommen sie sehr schnell zum Ziel. Der Vorteil ist, dass sie von jedem Gelände aus starten können. Zwei Meter freier Raum genügen, um aufzusteigen.“

Pilot Nikolas schätzt die Erfolgsquote: „Ich schätze, 90 bis 95 Prozent der Shaheds schießen wir über dem Meer ab. Bis zum Ufer kommen nur noch einige wenige durch.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Internationale Nachfrage und Einsatz am Golf

Seit einigen Monaten fragen Staaten aus der ganzen Welt in Kyjiw nach diesen Drohnen. Grund: Im Krieg gegen Iran standen die reichen Golfstaaten vor demselben Problem wie Odessa – Shahed-Drohnen griffen kritische Infrastruktur in Katar, Kuwait und anderen Golf-Anrainern an. Ihre teuren Patriot-Abfangsysteme aus US-Produktion waren nach wenigen Tagen weitgehend aufgebraucht. Inzwischen sind mehr als 200 ukrainische Drohnenspezialisten am Golf im Einsatz, die ihr neuestes Know-how aus dem Krieg einbringen.

Stolz und Schutz der Familie

Nikolas: „Ich bin ziemlich stolz auf das, was wir hier als Team leisten. Wir tragen viel zum Schutz des Luftraums bei, während unsere Familien in der Stadt schlafen. Wir tun alles dafür, dass unsere Familien ruhig schlafen können. Und das gelingt uns, wie ich denke, ganz ordentlich.“

Techniker Schulz ergänzt: „Meine ganze Familie ist hier, meine Eltern, meine Frau, meine Kinder. Wir werden die Stadt beschützen, so gut wir können, nicht nur vor den Drohnen, sondern auch vor den Orks. Das ist unsere Stadt.“

Leben im Ausnahmezustand

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen länger als der Erste Weltkrieg. An Odessas Stadtstrand ist es der fünfte Sommer im Ausnahmezustand. Rentner Hryhorij sagt: „Die Soldaten der Luftverteidigung sind tüchtig. Ich sehe sie jeden Tag, wenn ich die Küste entlanggehe. Beneidenswert ist ihre Lage nicht, Krieg ist Krieg, auch sie kann es jederzeit treffen. Aber ich sehe sie als Helden.“

Die 23-jährige Julia berichtet: „Ich habe mich daran gewöhnt. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wenn etwas bei dir in der Nähe eingeschlagen ist und du noch lebst, freust du dich schon ein bisschen. Du weißt nie, ob es dich trifft oder das Nachbarhaus. Angst ist immer da.“

Alte Waffen und neue Technik

Neben den modernen Abfangdrohnen kommt auch ein sowjetisches Flak-Geschütz aus dem Jahr 1964 zum Einsatz. Kommandeur Juri erklärt: „Die Kanone ist Baujahr 1964. Ich bin 1972 geboren. Das Ding ist also noch um einiges älter als ich. Es ist eine großartige Waffe. Wir kommen auf knapp tausend Schuss in der Minute. Und sie zerstört das ganze Ziel in der Luft, komplett, da fällt nichts herunter und richtet am Boden Schäden an.“

In einer Nacht nähert sich eine russische Shahed. Navigator Demon: „Die kommt direkt auf uns zu. Wir machen uns bereit. Wenn sie weiter auf uns zuhält, schießen wir bei Azimut achtzig drauf.“ Doch die Abfangdrohnen erledigen die Arbeit – die Flak muss nicht feuern. Die Gefahr ist gebannt. Richtschütze Dmytro bevorzugt trotzdem seine Kanone: „Die Drohnenpiloten können von ein paar Kilometern Entfernung arbeiten oder ein paar hundert und sogar von zu Hause aus quasi, das ist egal. Nur hier, da höre ich wenigstens noch meine eigene Explosion.“

Grenzen der Abwehr

Doch die Erfolgsgeschichte der ukrainischen Flugabwehr hat Grenzen: Weder Flak noch Abfangdrohnen helfen gegen ballistische Raketen. Diese kann nur das amerikanische Patriot-System abfangen – und seit dem Irankrieg ist die Munition dafür extrem knapp. In letzter Zeit sind zwei von drei russischen Raketen in der Ukraine durchgekommen. Auch die Shahed-Drohnen dürfte Russland gegen die ukrainischen Abfangdrohnen rüsten. Beide Seiten suchen ständig nach technischen Schlupflöchern.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Nikolas und seine Crew testen eine neue Abwehrdrohne, die per Katapult gestartet wird. Doch der Test misslingt. Nikolas: „Ich weiß nicht, was das ist! Die verdammte Verbindung bricht ständig ab. Schau, die fällt runter, siehst du? 140 Meter, 130 Meter … Mist.“ Er resümiert: „Die ganze Technik entwickelt sich halt immer weiter, auch jetzt gerade mit künstlicher Intelligenz, das kommt mehr und mehr. Die Zukunft gehört den Drohnen, soviel steht fest.“

Und dann kommt schon die nächste Angriffswelle mit Shaheds auf die Stadt.