„Polaris“ am DT Berlin: Eisige Spiegel der Menschheit
„Polaris“ am DT Berlin: Eisige Spiegel der Menschheit

Wir müssen hier als erstes den Schluss verraten. Ja, das ist ein Spoiler. Aber um Spoiler geht es auch in dem Stück „Polaris“, das in der Antarktis spielt. Am Ende kommen schwarz gekleidete Techniker und raffen all die weißen Laken, die das ewige Eis symbolisieren, zusammen. Nur ein kleiner Haufen bleibt übrig. Darauf stehen die Schauspieler Julia Gräfner und Wolfram Koch wie auf einer letzten Eisscholle und werden nach hinten gezogen, vom Eisernen Vorhang verschluckt. Ein eindrückliches Bild, als trieben sie in den Ozean. Eine starke Metapher für Erderwärmung und Eisschmelze.

Die Handlung und ihre Hintergründe

In den 100 Minuten zuvor beneidet man die Darsteller um ihre Schneebrillen – so grell wird die weiße Landschaft angestrahlt. Die Antarktis will den Menschen nicht, sie braucht ihn nicht. Und doch leben Menschen dort, sehen den siebten Kontinent als Spiegel der Menschheit: als letzten staatenfreien Raum, in dem Vertreter verschiedener Nationen friedlich forschen. Eine Untat passt nicht ins Bild: 2018 attackierte ein Techniker auf der russischen Bellinghausen-Station einen Kollegen mit einem Messer. Der Grund: Der Kollege verriet stets die Enden der Bücher, die der Täter las. Jan-Christoph Gockel hat diesen Vorfall zum Stück „Polaris“ verarbeitet, einer Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin, dem Théâtre National du Luxembourg und den Ruhrfestspielen. Nach der Uraufführung in Marl erlebte es nun in den DT-Kammerspielen seine bejubelte Berlin-Premiere.

Recherche vor Ort

Gockel reiste mit seinen Darstellern und dem Dokumentarfilmer Lion Bischof in die Antarktis, zur deutschen Polarstation Neumayer III. Dort entstanden spektakuläre Landschaftsbilder, die nun auf die Lakenbühne projiziert werden. Interviews mit Forschern geben Einblick in den Alltag bei minus 50 Grad. Gräfner und Koch schlüpften bereits vor Ort in ihre Rollen, die mal auf den Laken projiziert, mal live gespielt werden.

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Die Inszenierung

Julia Gräfner spielt Oleg, 60, Schweißer und Neuzugang. Sie durchbricht die vierte Wand, spricht das Publikum direkt an. Sie fragt, ob die Zuschauer zugehört haben – wie alt sie sei, ob sie den Ausgang kennen. Ein Mann in Reihe 5, Platz 6, antwortet: „Schrecklich“ sei das ausgegangen. Oleg unterbricht ihn: Halt! Der will wohl spoilern. Es ist Ulrich Matthes, ein Kollege. Doch dann verrät Oleg selbst das Ende. Wolfram Koch spielt Sergej, 54, Elektriker, der schon lange auf der Station ist. Er zeigt sein Messer „aus Solingen, extraharter deutscher Stahl“, das er später an einer Schleifmaschine wetzt. Musiker Anton Berman liefert sphärische Klänge und wummernde Bässe, hält einen Wecker ins Mikro – eine tickende Zeitbombe.

Bühnenbild und Effekte

Die Bühne besteht aus weißen Laken. Julia Kurzweg schuf ein Bühnenbild, das an einen leeren Raum erinnert – vielleicht ein Hinweis auf die Sparpolitik des Berliner Senats. Doch die Laken erzeugen verblüffende Effekte: Von hinten angeblasen, entsteht die Illusion eines Schneesturms. Sie dienen auch als Kinoleinwand für dokumentarisches Material und Rollenspiel, teils doppelt projiziert auf die Laken und einen Plasma-Fernseher. So schauen sich die Darsteller selbst beim Spielen zu und kommentieren. Wir erfahren vom Antarktischen Winter-Syndrom, einer Depressionsform, und von einer Expedition 1902, die Theaterkostüme mitführte, um nicht an die Gurgel zu gehen. Theater als Lebensmittel und Überlebensform.

Tiefgründige Montage

Gockel und sein Team schaffen ein vielschichtiges Geflecht aus Verbindungen und Querbezügen: über Menschen unter Extremsituationen und den Menschen als extremes Wesen. Es gibt Referenzen an Stanislaw Lems „Solaris“ und Werner Herzogs Antarktis-Doku „Begegnungen am Ende der Welt“. Dort watschelt ein Pinguin allein ins Landesinnere, vermutlich in den Tod, aber mit dem Gestus des Aufbruchs – ein Sinnbild für unsere Spezies.

DT-Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Nächste Termine: 6.6. (20 Uhr); 7., 21., 26., 27.6., 19.30 Uhr.

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