Kreative Höchstleistungen beginnen manchmal mit einem Heureka-Moment. So erging es Marcel Breuer im Jahr 1925. Der Designer arbeitete am Bauhaus in Dessau an der Entwicklung moderner, industriell produzierbarer Möbel. Und er fuhr ein Rennrad mit dem schon damals üblichen schneckenförmigen Metalllenker.
Der Geistesblitz eines Bauhaus-Designers
Dieser Lenker inspirierte Breuer zu einer revolutionären Idee: Möbel aus gebogenem Stahlrohr. Daraus entstand der berühmte „Wassily Chair“, benannt nach dem Maler Wassily Kandinsky. Das Gestell aus nahtlosem Stahlrohr, kombiniert mit Stoffbespannung, markierte 1926 den Beginn der Stahlrohrrevolution. Es war leicht, stabil und ließ sich maschinell fertigen – ein perfektes Produkt für die Moderne.
Ein Architekt als Pionier der Technik
Doch der wahre Durchbruch der Stahlrohrmöbel gelang erst einem anderen Künstler: dem Architekten Erich Consemüller. Er war es, der die Technik perfektionierte und weiterentwickelte. Consemüller, ein Schüler von Walter Gropius, experimentierte mit verschiedenen Formen und Verbindungen. Seine Entwürfe waren nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch anspruchsvoll. Er schuf Stühle, Tische und Liegen aus Stahlrohr, die bis heute als Klassiker gelten.
Das tragische Schicksal eines Genies
Consemüller, der jüdischer Abstammung war, wurde von den Nationalsozialisten verfolgt. Trotz seiner herausragenden Leistungen in der Möbelgestaltung musste er Deutschland verlassen. 1942 wurde er im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Sein Werk geriet lange Zeit in Vergessenheit, obwohl es die Grundlage für viele heutige Stahlrohrmöbel bildet.
Die Spurensuche nach einem vergessenen Künstler
Erst in den letzten Jahrzehnten wird Consemüllers Beitrag zur Designgeschichte wiederentdeckt. Ausstellungen und Publikationen würdigen seine Arbeit. Die Bröhan Design Foundation in Berlin besitzt eine bedeutende Sammlung seiner Stücke. Sie zeigt, wie Consemüller den Stahlrohrstuhl von Breuer weiterentwickelte und zu einer eigenständigen Formsprache fand.
Seine Möbel bestechen durch die Leichtigkeit des Materials: „Metall, so weich wie Makkaroni“ – so beschrieb ein Kritiker die filigranen Gebilde. Tatsächlich gelang es Consemüller, dem harten Stahl eine organische, fast weiche Anmutung zu verleihen. Er bog, schweißte und verband die Rohre zu eleganten Gestellen, die dennoch stabil blieben.
Das Erbe der Stahlrohrrevolution
Heute sind Stahlrohrmöbel aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie stehen in Büros, Cafés und Wohnungen. Der „Wassily Chair“ ist ein Designklassiker, der immer noch produziert wird. Doch die Geschichte wäre unvollständig ohne Erich Consemüller. Sein Schicksal zeigt, wie die NS-Zeit viele Talente auslöschte. Gleichzeitig erinnert es daran, dass Innovation oft das Werk mehrerer ist – und dass manche Helden erst spät gewürdigt werden.
Die Spurensuche führt nach Dessau, Berlin und in die Archive der Bröhan Design Foundation. Dort lagern Zeichnungen, Fotos und Prototypen, die Consemüllers Genie belegen. Sie sind Zeugnis einer kurzen, aber intensiven Schaffensphase, die die Möbelwelt für immer veränderte.



