Nachruf auf Christian Hawel: Ein Leben im eigenen Tempo
Nachruf auf Christian Hawel: Ein Leben im eigenen Tempo

Ein Leben im eigenen Tempo

Christian Hawel, von allen nur Chris genannt, ließ sich nicht hetzen. Denn wer hetzt, kann das Leben nicht genießen. Und Chris wollte sein Leben genießen. Da war er stur und ausdauernd. Wer mit ihm ein Museum besuchte, musste sich auf einen tagesfüllenden Ausflug einstellen. Er las wirklich jede Informationstafel, betrachtete jedes Bild und jede Statue. Schon in seinem Grundschulzeugnis wurde ihm ein gemächliches Arbeitstempo bescheinigt. Für sein Studium der Philosophie, Politik und Psychologie nahm er sich 13 Jahre Zeit. Das lag nicht an Faulheit, sondern daran, dass Chris einfach alles spannend fand.

Die Wohnung als Bibliothek

Seine Wohnung glich einer Bibliothek. Bücher, nach Themen geordnet, stapelten sich bis zur Decke. Darunter befand sich stets ein Satz aktueller medizinischer Fachbücher. Er kaufte immer die neueste Auflage nach und verschenkte die alte. In seiner Vorstellung von einem erfüllten Leben sah er sich als Philosoph, als eine Art Diogenes, der im Fass schläft und sich tagsüber die Sonne auf den Pelz scheinen lässt, den Menschen zuhört und ihnen Rat gibt. Wenn er davon erzählte, schwang Sehnsucht in seiner Stimme mit. Und er erzählte oft davon.

Vom Philosophen zum IT-Admin

Doch die Nachfrage nach Philosophen in Fässern war begrenzt. Also entschied sich Chris für Jobs, die Geld einbrachten: IT-Admin, IT-Help-Desk, Datenschutzbeauftragter. Diese Tätigkeiten passten zu ihm, denn er durfte helfen. Er war zur Stelle, wenn der Drucker nicht druckte, die E-Mails verschwunden waren oder ein Treiber ein Update benötigte. „Wie, du weißt nicht, ob du eine Firewall hast?“, fragte er dann mit gespieltem Entsetzen, griff sich theatralisch an die Brust und erklärte geduldig das Problem und die Lösung. Einem seiner Chefs war er nicht effizient genug. Er sollte schneller arbeiten, mehr Hilfsanfragen pro Tag bearbeiten. Doch Chris ließ sich nicht hetzen. Nach Feierabend legte er die Füße hoch und schrieb Gedichte: „Lächelnd sitze ich auf meinem Balkon / und blinzle zufrieden in die Sonne. / Ihre warmen Strahlen streicheln zärtlich meine Haut. / Wie wenig braucht man doch um wirklich glücklich zu sein!“

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Frühe Jahre und Engagement

Chris wuchs in Bayern nahe München auf, mit Vater, Mutter und Bruder. Die Beziehung zum Vater war schwierig; er sprach nicht gern darüber. Als Erwachsener versuchte er, ihn zu verstehen, schrieb Briefe, um herauszufinden, woher sein eigenes Harmoniebedürfnis kam. Doch es blieb bei einem Versuch – der Vater antwortete nicht. Die Eltern trennten sich, der Stiefvater brachte Sicherheit. Früh fand Chris Orte der Gemeinschaft: Er war Chefredakteur der Schülerzeitung, gründete den Arbeitskreis Geschichte und wurde ehrenamtlicher Rettungssanitäter bei den Johannitern. 25 Jahre lang fuhr er Rettungseinsätze und bildete andere aus – erst in München, dann in Berlin, wohin er für seine erste Liebe und das Studium gezogen war.

Der beste Freund

Chris war immer da, wo seine Freunde waren. „Für viele von uns war er der beste Freund“, sagen sie. Sie erzählen, wie er sie begrüßte: erst in die Augen schauen, dann in den Arm nehmen, den Kopf auf die Schulter legen, mit den Händen über den Rücken streichen. Stundenlang konnte man mit ihm spazieren gehen, bis die Zeit plötzlich um war und man merkte, dass Chris nur zugehört und nachgefragt hatte, ohne von sich zu berichten. Nach Wochen oder Monaten erinnerte er sich genau an das Gesagte und knüpfte nahtlos an. Ratschläge gab er selten, höchstens: „Cross the bridge when you are there.“ Chris kümmerte sich auch um die Technik seiner Freunde. Oft brannte tief in der Nacht noch Licht, weil er über Computer-Innereien gebeugt war – für eine Flasche Wein, ein Abendessen oder ein Dankeschön. „Er hat sich aber auch ausnutzen lassen“, sagen die einen. „Er half einfach gern“, die anderen.

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Hingabe für Freunde

Hatte die ukrainische Frau seines Freundes eine Lesung, kam er und hörte zu, obwohl er kein Wort Russisch verstand – nicht nur einmal, sondern bei jeder Lesung. Hatte eine Freundin Geburtstag, lud er sie immer zum Essen ein, in ihr Restaurant der Wahl, egal wie teuer. Bei ihm zu Hause gab es Literaturabende, Whisky-Verkostungen, Teezeremonien. Wehe aber, ein Gast brachte versehentlich seine wohlgeordnete Kugelschreibersammlung auf dem Fernsehtisch durcheinander. Chris schaute leidenschaftlich fern, kringelte in der Fernsehzeitschrift ein, was er sehen wollte, und alarmierte seine Freunde, wenn Woody Allen oder „Aktenzeichen XY ungelöst“ lief. Wenn „Star Trek“ lief, war er für niemanden erreichbar. „Und dieser rote Schal, den er immer trug!“, erinnern sich Freunde. Dazu eine rote Hose, Jackett, langer Trenchcoat, Hut. Immer dabei: seine Bauchtasche, die er Känguru nannte, mit Kalender, Handy, Stift und einer kleinen Beatmungsmaske – falls jemand wiederzubeleben war.

Liebe und Freundschaft

Auch in der Liebe blieb Chris seinem Tempo treu. Daniela, seine Ex-Freundin, erinnert sich: „Als ich sah, dass er immer lange Unterhosen trug, weil ihm so kalt war, dachte ich, ich könnte nie mit ihm zusammen sein. Doch je besser ich ihn kennenlernte, verstand ich, dass wir lachen, schweigen und uns über alles unterhalten konnten.“ Fünf Jahre hielt die Beziehung. Doch irgendwann wollte sie mehr: Familie, ein gemeinsames Zuhause. Chris aber wollte so weiterleben wie bisher.

Seine Welt

Chris hatte seine Freunde, den Philosophenclub, die Lieblingskneipe, das Ji-Jutsu-Training, all die Bücher und Gedanken. Auch wenn es lange Phasen gab, in denen er Single war und Zweisamkeit vermisste, schien es grundsätzlich gut zu sein. „Auch dein glücklichster Moment wird unabdingbar vergehen. So wenig du etwas erzwingen kannst, kannst du etwas wirklich festhalten“, schrieb er einmal.

Der plötzliche Abschied

Der 12. Januar war ein Montag. Chris sagte noch, dass ihm kalt sei, wickelte sich in eine Decke, dann fiel er um. Eine „fulminante Lungenembolie“ riss ihn aus dem Leben. Chris fehlt. Manche seiner Freunde träumen von ihm. Einer erzählt von einem Bild: Chris sitzt in einem Café, wartet auf ihn, lächelt und fragt mitten im Gespräch, typisch Chris: „Ach, ist das wirklich so?“