Markus Witzel, bekannt als Mawil, ist ein erfolgreicher Kinderbuchautor. Sein sechstes Werk, das wortlose Bilderbuch „Pizza!“ (Reprodukt, 32 S., 10 Euro), richtet sich an Kinder ab drei Jahren. Ab diesem Donnerstag präsentiert er es auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen, der ein umfangreiches Kinderprogramm bietet. Im Gespräch mit Lars von Törne spricht der Berliner Autor und Zeichner, der früher für den Tagesspiegel arbeitete, über das Lesen und die Wege dorthin.
Prägende Kindheitserinnerungen
Mawil, geboren 1976 in Ost-Berlin, erinnert sich an seine ersten Kinderbücher: „Ferien mit Gespenstern“ von Adam Bahdaj, ein DDR-Klassiker, und die Wimmelbilder von Ali Mitgutsch. „Die vielen Details und die lockere, warme Optik haben mich fasziniert“, sagt er. Auch die estnische Reihe „Drei lustige Gesellen“ mit Illustrationen von Edgar Valter prägte ihn. „Die verspielten, handgemachten Bilder sprachen mich sehr an.“
Vom Bilderbuch zum Leser
Mawil betont, dass Bilderbücher ihn früh ans Lesen heranführten. „Bevor ich lesen konnte, machten mich die kleinen Geschichten neugierig. Zu Hause hatte ich immer ein Buch vor der Nase.“ Mit acht Jahren malte er seinen ersten Comic. Heute hat er selbst drei Kinder im Alter von fast vier, fast sechs und fast neun Jahren.
Bücher für die eigenen Kinder
In seiner Familie liegen viele Comics herum. „Die Jüngeren schauen sie sich immer wieder an, auch wenn sie noch nicht lesen können. Der Große liest inzwischen alles, was er in die Hand bekommt.“ Mawil kuratiert die Lektüre: „Ich nehme ihm die ‚Lustigen Taschenbücher‘ weg, weil das billige Fließbandgeschichten sind. Stattdessen lege ich ihm schöne Kindercomics vom Kibitz-Verlag oder Reprodukt hin.“ Zu den Favoriten zählen die Reihe „QRT“ von Ferdinand Lutz, „Nika, Lotte, Mangold“ von Thomas Wellmann und Geschichten von Tanja Esch.
Comics als Einstieg ins Lesen
Früher waren Comics verpönt, doch Mawils Eltern hatten keine Vorbehalte. „Sie kauften mir ‚Mosaik‘-Hefte, und ich lieh mir West-Comics wie ‚Asterix‘ aus.“ Über Comics fand er auch zu textlastigen Büchern: „Ich wollte wissen, was außer den Bildern passiert.“ Seine Kinder machen ähnliche Erfahrungen: „Der Große liest jetzt ‚Gregs Tagebuch‘, eine Mischung aus Text und Bildern, die sich als Übergang eignet.“
Warum „Gregs Tagebuch“ so beliebt ist
Mawil vermutet: „Die Bücher beschreiben eine ehrliche Kinderwelt. Die Hauptfigur findet Sachen doof, die auch andere Kinder doof finden – und Erwachsene nicht. Diese Perspektive spricht viele an.“
Selbstironie in eigenen Büchern
In Mawils Büchern wie „Papa macht alles falsch“ verhält sich das Kind reifer als der Erwachsene. „Vielleicht liegt es daran, dass ich im echten Leben manchmal lustiger sein möchte. In meinen Büchern übertreibe ich meinen Humor. Ich bin ein lustiger Papa, aber ich wäre gerne noch lockerer.“
Testleser und aktuelles Angebot
Seine Kinder testen seine Bücher nicht: „Ich arbeite, wenn sie schlafen oder in der Schule sind. Meistens bin ich mit Fahrdiensten, Küche und Wäsche beschäftigt.“ Das Angebot an Kinderbüchern findet er gut: „Es gibt viele tolle neue Bücher, etwa aus Skandinavien. ‚Alle zählen‘ von Kristin Roskifte oder ‚Unsere Grube‘ von Emma Adbåge sind ehrlich und weniger kitschig.“
Was ihn nervt
„Bobo Siebenschläfer geht mir auf den Geist, vor allem die Hörspiele. Und die Conni-Geschichten sind mir zu perfekt und sauber, es fehlt das Freche.“ Schlechte Bücher lässt er heimlich verschwinden: „Wir bekommen viele geschenkt, die Guten bleiben, die Schlechten verschwinden unbemerkt.“
Vorleserituale in der Familie
Montag bis Donnerstag wird vorgelesen, Freitag bis Sonntag gibt es Fernsehen. „Das ist der Deal: 4 zu 3 fürs Vorlesen.“ Am Wochenende schauen sie gemeinsam „Sandmännchen“ und „Die Sendung mit der Maus“. Internet und YouTube sind nur sonntagabends erlaubt: „Da schauen wir Musikvideos, jeder darf sich eines wünschen. Wir versuchen, ihnen gute Musik nahezubringen.“
Klassiker und ihre Überarbeitung
Mawil ist gegen generelle Überarbeitungen: „Man sollte Kindern erklären, warum früher bestimmte Begriffe verwendet wurden. In DDR-Büchern war ‚Indianer‘ respektvoll gemeint. Bei Pippi Langstrumpf und dem N-Wort plädiere ich für Austausch, weil es heute rassistisch ist. Wichtiger ist, wie Menschen charakterisiert werden.“



