Kunst erobert den Amtssitz des Bundespräsidenten
Das Dach von Schloss Bellevue erstrahlt in Blau. Drei Industriekletterer sind dort oben unterwegs und entrollen Folienbuchstaben. Unten steht der Künstler Christian Awe und gibt Anweisungen. Bis zum Nachmittag werden die Worte „Freiraum Kunst“ bis in den benachbarten Tiergarten hinein zu lesen sein. Ein paar Stufen führen zum Eingangsportal des neoklassizistischen Schlosses hinauf. Drinnen leuchten üppige Kronleuchter, zwischen dünnen Säulen blitzen bunte Gemälde hervor. Normalerweise hängen dort strenge Porträts von Friedrich Ebert und Theodor Heuss. Der Bundespräsident zieht um. Seinen leer geräumten Amtssitz stellt er zwei Wochen lang der Kunst zur Verfügung.
In den nächsten acht Jahren werden Schloss Bellevue und das angrenzende Präsidialamtsgebäude saniert. Er hasse Umzüge, gesteht Steinmeier bei der Pressekonferenz am Montagmittag. Weltberühmte Berliner Künstler wie Karin Sander, Wolfgang Tillmans oder Katharina Grosse kapern die Repräsentations- und Protokollräume im ersten und zweiten Stock samt Eingangshalle und diverser Salons. So wird man Bellevue nie wieder erleben. In der Video-Installation von Gregor Schneider geht es um das ehemalige Wohnhaus von Joseph Goebbels.
Riesiges Interesse an der Ausstellung
Entsprechend groß ist das Interesse. 500.000 Menschen wollten innerhalb der ersten Stunde online Tickets reservieren, der Server brach zusammen. Zur Pressekonferenz kamen an die 60 Journalistinnen und Berichterstatter. „Wehmut“ habe er bei der Abnahme der beiden Gemälde von Gotthard Graubner empfunden, die in dem Saal sonst hängen, erzählt der Bundespräsident. Viele wichtige Entscheidungen seien davor getroffen worden. Jetzt hängt an dieser Stelle eine Riesencollage der Künstlerin Monica Bonvicini, ein fleischfarbenes Gewusel mit 3-D-Effekt, das aus lauter Frauenkörpern besteht.
Porträt der Bundespräsidentin an der Wand
Kunst und Kultur stehen unter Druck, das betonen alle, die hier an diesem Tag sprechen. Deutliche Worte findet der Kurator der Ausstellung und Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste, Anh-Linh Ngo: Kunst ermögliche ästhetische Erfahrung und könne dabei unterstützen, die Urteilskraft wiederzuerlangen – jenseits der Wahrnehmung einfacher Parolen. Das Hauptausstellungsstück sei Bellevue als Ort der Repräsentation. Kunst ist in diesem Sinne eben kein Luxus, sondern essenzieller Teil der demokratischen Debatte.
Beim Betreten der Eingangshalle hört man ein sich ständig wiederholendes „Hallo. Haaaallo.“ Wer da ruft, löst sich erst auf, wenn man später das zugehörige Video sieht. Der Künstler Jochen Gerz hatte die Performance, bei der er bis zur Erschöpfung „Hallo“ ins Leere rief, bereits 1972 gemacht. Ohne zu wissen, wie es damals gewirkt hat – jetzt trifft es mitten ins Mark. In den sozialen Medien geht es permanent um Aufmerksamkeit. Der Frust unserer Zeit kommt auch daher, dass zwar jeder die Möglichkeit hat, sich zu äußern. Trotzdem ist die Resonanz gering. Das führt zur gesellschaftlichen Erschöpfung.
Es ist schon interessant, was im ehrwürdigen Amtssitz des Bundespräsidenten plötzlich möglich ist. Im Eingangsbereich hängt das Comic-Porträt einer Bundespräsidentin – gemalt vom Künstler El Bocho – die hoffentlich bald die Riege der ausschließlich männlichen Vorgänger ergänzt. Der Maler Christopher Lehmpfuhl saß mit seinen stinkenden Ölfarben im Amtszimmer Steinmeiers. Nach Aussage Lehmpfuhls hat noch nie jemand dessen Büro gemalt. Die Künstlerin Karin Sander kaperte den Langhanssaal.
Im Langhanssaal halten die Bundespräsidenten traditionell ihre Ansprachen. Für den Krisenfall muss der Raum mit den blauen Vorhängen deshalb bis zuletzt eingerichtet bleiben. Dass er deshalb für die Ausstellung nicht zur Verfügung stehen sollte, wollte Sander nicht akzeptieren. Sie überredete den Bundespräsidenten, ihr Modell zu stehen. So entstand ein 3-D-Scan im Maßstab 1 zu 5. Der Mini-Steinmeier hält nun bis zum endgültigen Auszug die Stellung in Bellevue und lässt nachdenken über die in digitalen Zeiten nicht mehr vorhandene Trennung von Amt und Person.
In kürzester Zeit organisiert
Das Bundespräsidialamt beauftragte für die Organisation der Pop-up-Ausstellung die Akademie der Künste. Die erste Idee kam aber aus dem Volk. Offenbar hatte der Journalist Matthias Deiß die initialen Gedanken zur künstlerischen Nutzung. Er sprach den Maler Christopher Lehmpfuhl und die Streetart-Künstler Christian Awe und El Bocho an. Die wiederum trugen die Idee an das Bundespräsidialamt heran.
Lehmpfuhl gewann über sein Netzwerk die ersten Sponsoren, wie er erzählt. Dann wurde das Projekt in die Hände der Akademie der Künste gegeben, die wiederum ihr Netzwerk an Künstlerinnen und Künstlern aktivierte. Wenn eines bei diesem Projekt knapp war, dann Zeit und Geld. Um Budget und Sponsoren wurde bis zuletzt gekämpft. „Normalerweise benötigen wir für die Vorbereitung einer Ausstellung dieser Größe anderthalb Jahre. Hier hatten wir für die gesamte Produktion nur acht Wochen Zeit“, so Ngo. Man habe gelernt, dass man kurzfristig und spontan agieren könne. Institutionen sollten ihr Sicherheitsdenken auch mal in Frage stellen, es müsse nicht alles perfekt sein, sagt Ngo. „Aber wir pochen darauf: Wenn Kunst in der Gesellschaft eine Bedeutung haben soll, muss sie auskömmlich finanziert sein. Da kann man nicht sagen: Seht zu, wie ihr zurechtkommt.“
Ein übergeordnetes Thema gibt es nicht
Die meisten Künstler beschäftigen sich auf die ein oder andere Weise mit deutscher Geschichte: Nazi-Zeit, Wiedervereinigung, die Frage nach Repräsentation. Der Künstler Gregor Schneider hat sich in seiner Kunst bereits vielfach mit symbolbeladenen Häusern beschäftigt. Man wäre neugierig, was ihm zu Bellevue eingefallen wäre, hätte er Zeit gehabt, eine neue Arbeit zu machen. So ist von ihm nur das schon ältere Video „Goebbels Geburtshaus“ zu sehen. Schneider kaufte 2014 das Geburtshaus von Hitlers Propagandaminister in Rheydt bei Mönchengladbach. Bevor er es abreißen ließ, filmte er sich dort in der Küche oder im Bad. Diese Szenen sind auf mehreren Screens in einem Salon mit Kronleuchter zu sehen. Samt USB-Stick, mit dem man das Haus theoretisch wieder zusammensetzen könnte.
Das große Interesse bereits vor der Eröffnung zeigt, dass Kunst ein großes, gemischtes Publikum erreichen kann. Es müssen nur ein paar Dinge gegeben sein: Es braucht einen interessanten Raum, spannende Kunst und vor allem ein Thema, das alle angeht – so wie das Bundespräsidialamt alle angeht.



