Jugendroman „Vielleicht im Sommer“: Zwei Jungs auf der Suche nach Zugehörigkeit
Jugendroman: Zwei Jungs auf der Suche nach Zugehörigkeit

Genügen sieben Tage, um etwas zu finden, von dem man nicht wusste, dass man es vermisst? In Lukas Mi-Sa Nguyen Eggers beachtlichem Debütroman „Vielleicht im Sommer“ lautet die Antwort: Manchmal ja. Der Autor inszeniert einen klassischen Roadtrip, in dem zwei Jungs – ähnlich wie Huckleberry Finn – zu besten Freunden werden und gemeinsam Abenteuer erleben.

Ein Roadtrip der besonderen Art

Eine durch Schicksal geprägte Reise gehört zum Kern der Coming-of-Age-Literatur, ebenso wie Helden, die durch dick und dünn gehen. Doch der Roman weicht von diesem vertrauten Skript ab: Die Freundschaft der beiden Protagonisten ist nicht euphorisch und abenteuerlustig, sondern fragil, weich und zärtlich. Im Zentrum steht der fünfzehnjährige Kian im Sommer 2007. Sein Alltag ist geprägt von Prekarität und latenter Gewalt. Ein einziger Blick genügt, um die Stimmung seines cholerischen Vaters zu lesen, der an schlechten Tagen selbst die letzten Erinnerungsstücke der verstorbenen Mutter aus dem Fenster des Plattenbaus wirft. Nur ein Notizbuch kann Kian retten.

Der Blick aus dem vierzehnten Stock

Von oben, aus dem vierzehnten Stock, richtet sich Kians Blick über die Stadt. Am Horizont imaginiert er ein Meer, ein Bild aus der Werbung eines TUI-Reisebüros: „glückliche Familien am Strand. Zwei Kugeln Eis, ein Sonnenschirm“. Dieses Motiv begleitet den Roman als Vision einer „normalen“ Familie, von Geborgenheit und Zugehörigkeit, die Kian verwehrt bleibt. Wie die Beziehung zum Vater bleibt auch Kians migrantischer Hintergrund implizit, etwa im paternalistischen Ton des Sozialarbeiters: „Deutschland kümmert sich um dich. Wir stehen jetzt an deiner Seite.“ Ein nur schrittweise freigelegtes Trauma führt Kian schließlich ins Heim, in dem er sich als Fremdkörper fühlt und nicht lange bleiben wird.

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Die Verbindung zwischen Kian und Marco

Die Verbindung zwischen Kian und Marco entsteht aus geteilten Leerstellen. Beide haben keine Familie und suchen etwas. Während Marco seine Halbschwester an der Nordsee finden will, ist Kians Suche diffus. Vielmehr möchte er etwas loswerden und im Rückspiegel betrachten: Bielefeld und alles, was dort geschehen ist. Erst nach dem Ausbruch aus dem Heim beginnt ihre eigentliche Annäherung. Vorsichtig und tastend entwickelt sich ein Verhältnis, das sich weniger durch Worte als durch Handlungen ausdrückt. Kian versorgt Marcos verletzten Fuß, stützt ihn. Aus zwei isolierten Existenzen wird ein ungewohntes Gespann, „ein Wir hat Kian schon lange nicht mehr gehört.“

Marcos lakonische Bilanz

Marco hingegen lebt fast sein ganzes Leben im Heim und hat eine Form von Beständigkeit verinnerlicht. Eine, die vom Gehen der anderen geprägt ist – von Freunden, die adoptiert werden und verschwinden. Seine lakonische Bilanz: „Ich bleib da. War schon immer so.“ Kian kennt die Welt außerhalb des Heims, wenn auch nur in ihrer rauen Form. Er hat gelernt, sich mit seinem Vater durchzuschlagen, und bringt diese Erfahrung in die Dynamik ein: Kian handelt und nimmt Marco an die Hand, etwa beim Rollerfahren.

Eine Reise ohne Geld und Halt

Die Reise ist ein existenzieller Zustand: ohne Geld, ohne institutionellen Halt, verfolgt von Heimleitung und Polizei. Begegnungen werden zu Ankern ihrer Route. Da ist die wohlhabende Sofia, die in ihrer Villa für sie kocht. Für einen Moment kreuzen sich konträre Realitäten. Nicht die Herkunft verbindet sie, sondern eine Sehnsucht nach Freiheit. In einer Kapelle, bei Kerzenlicht, zeigt sich die Freundschaft anders, als wir es von gängigen Abenteuergeschichten kennen, nämlich zart und körperlich. Rohe Ängste rahmen die Szene: „Scheiße, Kian, ich weiß nich mal, woher ich komm. Wie kann ich dann wissen, wohin ich gehen soll?“

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Die Reise ins Erwachsensein

Die Reise selbst folgt keiner typischen Abenteuerlogik. Sie verzichtet auf Umwege zugunsten des Ankommens an der Nordsee. Jede Station ist notwendig, nichts erscheint verschwenderisch und behält eine ruhige Spannung. Die Erzählstimme ist von Beginn an melancholisch. Kians Nachdenken über Leben und Tod verleiht dem Text Schwere, die durch jugendsprachliche Dialoge allerdings aufgebrochen wird. Das Notizbuch der Mutter ist das poetische Ventil. Stellenweise wirken die Einträge leicht überhöht und lassen die Autorstimme durchscheinen. Die Figur selbst wird dabei aber nicht angezweifelt, denn gerade die Drastik des Erlebten macht seine Sprache nachvollziehbar.

Zärtlichkeit im Blick auf die Teenager

Zärtlichkeit zeigt sich nicht nur untereinander, sondern auch im Blick auf die Teenager: in kleinen Gesten und Beobachtungen. Ein kurzes Lächeln, Marcos Sommersprossen, die Haarsträhnen, die sich Kian hinter das Ohr streicht. Wir denken an „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf und „Der große Sommer“ von Ewald Arenz. Der Roman wird jedoch weniger im Modus des Abenteuers als auf der Ebene sozialer Herkunft und emotionaler Abhängigkeit erzählt. Damit verschiebt er das Genre ins Innere der Figuren und durchleuchtet den Habitus männlicher Freundschaft.

Hintergrund des Autors

Lukas Mi-Sa Nguyen Egger, 2000 in Pforzheim geboren, greift Erfahrungen auf, die er sowohl aus seiner eigenen Biografie als auch aus der Arbeit mit Jugendlichen kennt, und diese kehren im Roman wieder. Dass auf dieser Reise fehlender Halt sowie die Suche nach Freiheit und Zugehörigkeit im Zentrum stehen, wirkt nicht konstruiert, sondern spürbar nah an Marco und Kian. Der Roman „Vielleicht im Sommer“ ist im Piper Verlag erschienen, umfasst 272 Seiten und kostet 23 Euro.