Manchmal gibt es diese alles verändernden Momente im Leben, die eine jahrelange Funkstille durchbrechen können. Ein Baby im Bauch, ein Tumor im Kopf. Simon Ostermanns „Sommer auf Asphalt“ erzählt von der abgeflauten Beziehung zwischen Tochter und Vater, die sich im Chaos des Umbruchs neu kalibriert. Was diese Woche außerdem sehenswert ist, lesen Sie hier.
1. Masters of the Universe
Einen Vorwurf kann man Regisseur Travis Knight und Autor Chris Butler nicht machen: So ernst wie der Trashfilm-Klassiker mit Dolph Lundgren von 1987 nimmt sich ihre Verfilmung von „Masters of the Universe“ nicht. Achtzigerjahre-Nostalgie ist ohne offen zur Schau gestellte Selbstironie und eine gesunde Portion Skepsis gegenüber überholten Männlichkeitsbildern heute gar nicht mehr denkbar. Hauptdarsteller Nicholas Galitzine war bisher eher auf romantische Helden festgelegt. Der Held von Knights Version ist nicht der Muskelprotz He-Man, sondern dessen Alter Ego Prinz Adam, der schwächliche Thronfolger vom Planeten Eternia. Der wird als Zehnjähriger von seinem Vater zusammen mit dem „Schwert der Macht“ auf die Erde geschickt, als der Fürst der Finsternis Skeletor (Jared Leto) mit seinen Schergen das Schloss Grayskull erobert. Hier lebt er 15 Jahre später eine trostlose Existenz als Adam Glenn, eine Bürodrohne in der Personalabteilung eines Dienstleistungskonzerns. Sein gesamtes Erwachsenenleben träumt Adam davon, mit seinem Zauberschwert auf seinen Heimatplaneten zurückzukehren. Er findet es schließlich in einem Fantasy-Games-Laden. Im Kontext des modernen Blockbusterkinos ist die Attraktion von „Masters of the Universe“ über die nostalgische Verklärung von Kinderzimmer-Plastikinventar hinaus allerdings überschaubar. Dem Film fehlt ein Gespür für das Fantastische, er begnügt sich stattdessen mit dem Kindischen. (Andreas Busche)
2. Dao
Mit dem Titel bezieht sich der franko-senegalesische Regisseur Alain Gomis auf ein Prinzip aus der taoistischen Lehre, wonach alle Dinge durch eine Kreisbewegung miteinander in Verbindung stehen. „Dao“ wendet diese Idee auf eine Familiengeschichte an, die auf zwei Ebenen parallel erzählt wird. Gloria (Katy Correa) reist mit ihrer Tochter Nour (D’Johé Kouadio) nach Guinea-Bissau, um sich in einer mehrtägigen Zeremonie von ihrem verstorbenen Vater zu verabschieden. Gleichzeitig feiert die Familie auf einem Landsitz die Hochzeit von Nour. Gomis verwebt die beiden Rituale in einer atemlosen Parallelmontage zu einem einzigen Flow, der Vergangenheit und Gegenwart, die Geschichten zweier Kontinente und die nachfolgender Generationen verbindet. Der vielstimmige Film entwickelt im Zusammenspiel der beiden Feste einen unwiderstehlichen Rhythmus, ohne sich dem dokumentarischen Gestus zu unterwerfen. Auf einer dritten Handlungsebene proben die Darstellerinnen ihre Rollen. Menschen und ihre Figuren verschmelzen in Gomis’ Film, so wie auch die Trauer und die Freude. (Andreas Busche)
3. Ein Sommer in Paris
So ein Pech, der Rucksack ist zu groß! Kaum, dass Blandine im Gewimmel vor dem Schwimmstadion die richtige Einlassspur im Strom der Passanten gefunden hat, ist schon wieder Schluss. Blandine (Blandine Madec) darf nicht rein. Und oh Wunder, sie flippt gar nicht deswegen aus. Dabei ist sie doch extra aus der Normandie nach Paris gereist, um die olympischen Schwimmwettbewerbe zu sehen. Der missglückte Einlass ist nur der Auftakt der Pleiten, Pech und Pannen, die Blandine in der vor Menschen überquellenden Stadt erlebt. Olympia-Schlachtenbummler aus der ganzen Welt sind angereist. An jeder Ecke ist was los, halten Touristenschwärme Handys in die Luft. Paris vibriert in der Sommerhitze nur so vor Lebenslust. Und mittendrin, oder eher am Rand, sucht sich die freundliche, aber notorisch überfordert wirkende Blandine ihren Weg. Regisseurin Valentine Cadic erzählt in naturalistischem Look, mit leisem Humor und schön unterspielter Emotionalität von der so alltäglichen wie magischen Bildungsreise ihrer Hauptfigur, die halb Nerd und halb reizendes Wesen ist. (Gunda Bartels)
4. Sommer auf Asphalt
Les (Mala Emde), 30, schießt tagsüber für ein Fahrradkurier-Kollektiv durch die Straßen Hamburgs. Eine ziemlich spezielle kleine Leistungsgesellschaft, in der derjenige, der ein Rennen verliert, schon mal mit einem Tattoo bestraft wird. Jenseits des Jobs mag es Les unverbindlich: Sie führt eine offene Beziehung mit einer schicken Immobilienmaklerin und ist schwanger vom Gelegenheitssex mit ihrem Kollegen Tyler, behält es aber zunächst für sich. Überraschend steht ihr Vater Bert (Christoph Maria Herbst) auf der Schwelle, der sie zwar alleine in der Provinz großgezogen, aber ewig nicht mehr gesehen hat. Auch er hat ein Geheimnis, nämlich einen Gehirntumor. Es ist ziemlich absehbar, wie sich beide langsam annähern und voneinander und aus den eigenen Fehlern lernen. Regisseur Simon Ostermann will Leichtigkeit und Tiefe, pc sein und voll unkorrekt, will lakonisch und melancholisch sein. Dafür findet er jedoch keinen Ton, der das Konstrukt zusammenhalten könnte. Gemessen an Herbsts zurückgenommenem, anrührendem Spiel, erscheinen andere Charaktere eindimensional oder völlig überzeichnet. (Ingolf Patz)
5. The New West
Es dauert, bis man halbwegs durchblickt: Wie viele Kinder (mindestens sieben), wie viele Pferde (unklar), wer ist mit wem verwandt? Egal, denn für Tabatha rangieren Pferde, leibliche und zugelaufene Kinder, ihre Mutter und ihr Angestellter (und neuer Freund?) auf der gleichen Wertigkeitsskala. Zwei Jahre nach dem dramatischen Tod ihres Partners lebt die Großfamilie auf einer dezent verlotterten Ranch in South Dakota, Geld kommt über den Verkauf von Pferden. Obwohl Tabathas Tiere exzellent ausgebildet sind und sie beim Marketing alle Register zieht, schafft sie es nicht, ihren Clan finanziell zu konsolidieren. Da taucht ein undurchsichtiger Fremder auf. Er will die Ranch kaufen – Tabatha wäre ihre Schulden los. Aber auch ihr Zuhause. In der aus Liebe gespeisten Härte, mit der sie alles zusammenhält, erinnert die Protagonistin (Tabatha Zimiga, die ihre eigene Geschichte spielt) an Jennifer Lawrence in „Winter’s Bone“; Sanftheit ist Luxus. Ein faszinierender Blick auf ein Amerika fernab der Städte. In märchenhaft schönen Bildern erzählt Kate Beecroft vom Leben in der Natur und von Solidarität außerhalb staatlicher Systeme. Und von den Härten, die das mit sich bringt. (Antje Scherer)
6. Ich verstehe Ihren Unmut
Heike (Sabine Thalau) ist Objektleiterin einer Reinigungsfirma in München und steht unter ungeheurem Druck. Wenn die Handkamera ihr dicht auf den Fersen durch ein Einkaufszentrum folgt, ermahnt sie in einem Fort ihre dort arbeitenden Untergebenen und legt manchmal selbst Hand an, um diese zu korrigieren. Der Stress geht weiter, wenn Heike im Auto zum nächsten Objekt fährt und währenddessen permanent telefoniert. Entweder wird sie von ihrem Boss angetrieben, muss Ersatz für Ausfälle finden oder sich mit den Beschwerden der Kundschaft herumschlagen. Heike reagiert mit einer Mischung aus Verteidigung und Verständnis, wobei auch der titelgebende Satz fällt. Kilian Armando Friedrich vermittelt die Unmenschlichkeit des Niedriglohnsektors mit einer quasi-dokumentarischen Direktheit. Sein Film wirkt dabei wie ein Kommentar zu den aktuellen Debatten um die angeblich zu wenig arbeitenden Deutschen. Hier rackert sich jemand bis zum Umfallen ab, und es reicht trotzdem nicht, weshalb Heike mit einer Kollegin heimlich Reinigungsmittel abzweigt und vertickt. (Nadine Lange)



