Befreiter Buckelwal schwimmt wieder in Ostseebucht - doch der Weg zur Nordsee bleibt gefährlich
Erleichterung und anhaltende Sorge bestimmen die Stimmung nach der vorläufigen Rettung eines gestrandeten Buckelwals in der Lübecker Bucht. Nach intensiven, mehrtägigen Bemühungen zahlreicher Helfer hat sich das majestätische Meeressäugetier in der Nacht von einer Sandbank vor Timmendorfer Strand befreit, indem es durch eine speziell ausgebaggerte Rinne schwamm. Der Buckelwal war ursprünglich am Montagmorgen auf der Sandbank entdeckt worden und löste sofort eine großangelegte Rettungsaktion aus.
Helfer lenken Wal mit Schlauchbooten
Meeresbiologin Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) bestätigte zunächst, dass der Wal auf Kurs hinaus aus der Lübecker Bucht sei. Mehrere Stunden später wurde das Tier jedoch erneut in Küstennähe vor Timmendorfer Strand gesichtet, bevor es sich wieder von der flachen Uferzone entfernte. Um eine erneute Strandung zu verhindern, positionierten Natur- und Umweltschützer von Sea Shepherd und Greenpeace ihre Schlauchboote strategisch, um den Wal von einer Rückkehr ins flache Wasser abzuhalten.
Ein Sprecher von Sea Shepherd erklärte: „Der Wal bewegte sich zeitweise wieder Richtung Flachwasser. Mit unseren Booten haben wir eine Art Blockade gebildet, um ihn davon abzuhalten, erneut in gefährlich seichte Bereiche zu gelangen.“ Die Helfer versuchen kontinuierlich, den erschöpften Meeressäuger in tieferes Ostseewasser zu geleiten und verhinderten dabei auch, dass er in Fischernetze geriet.
Zickzack-Kurs und erschöpfte Hoffnungen
Der renommierte Meeresbiologe Robert Marc Lehmann betonte in einem Instagram-Video von Bord eines Rettungsschiffes, dass der Buckelwal „Sperenzchen – Zickzack hin und her“ mache. Das völlig erschöpfte Tier werde nun versuchsweise in Richtung Fehmarn und entlang der Küste bei Neustadt manövriert, mit dem Fernziel Dänemark. Dafür bestehen bereits Kontakte zu dänischen Polizeibehörden und Einsatzkräften.
Lehmann machte deutlich: „Noch ist der Wal nicht in Sicherheit. Seine Befreiung von der Sandbank ist bisher nicht seine Rettung, sondern lediglich ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Sein Zuhause wäre erst wieder im Atlantik.“ Die Chancen des Wals schätzte Stephanie Groß dennoch als nicht aussichtslos ein, da es in der Vergangenheit bereits Großwale in der Ostsee gegeben habe, die den Weg zurück in die salzreichere Nordsee gefunden hätten.
Koordinierter Einsatz und emotionale Anteilnahme
Die vorläufige Rettung löste bei allen Beteiligten große Freude und Erleichterung aus. Timmendorfer Strands Bürgermeister Sven Partheil-Böhnke zeigte sich „unglaublich erleichtert und sehr, sehr froh“ über den erfolgreichen Verlauf der Rettungsaktion. Er lobte ausdrücklich die beispielhafte Zusammenarbeit von Feuerwehr, Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Rettungsdiensten und wissenschaftlichen Experten.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) drückte ebenfalls seine Freude über die Rettung aus und dankte den Helfern vor Ort. Die bisherigen Kosten der aufwendigen Rettungsaktion belaufen sich nach Schätzungen des Bürgermeisters auf etwa 40.000 Euro, wobei sich das Land Schleswig-Holstein an diesen Kosten beteiligen wird.
Das Schicksal des Wals bewegte Menschen in ganz Deutschland und darüber hinaus. Viele verfolgten die Rettungsbemühungen vom Strand aus und fieberten mit jedem Fortschritt mit. Bürgermeister Partheil-Böhnke kommentierte diese emotionale Anteilnahme: „Das, glaube ich, brauchen wir alle nach den schrecklichen Nachrichten der letzten Monate, nach Kriegen und Krisen. Das ist eine gute Nachricht und allein das ist schon ein Grund, sich zu freuen.“
Tagelange Rettungsbemühungen und technische Herausforderungen
Die Befreiung des Wals war das Ergebnis tagelanger, intensiver Bemühungen. Nach einem gescheiterten Rettungsversuch mit einem kleinen Saugbagger am Dienstag wurde am Donnerstag mit einem Schwimmbagger eine spezielle Rinne ausgehoben. Biologe Robert Marc Lehmann stand dabei im Neoprenanzug direkt neben dem Wal, um das Tier zu beruhigen und dem Baggerführer präzise Anweisungen zu geben.
Die Helfer versuchten am Abend sogar, den Wal mit akustischen Signalen – durch Hupen, Trommeln und Rufen – zur Bewegung zu animieren. Auch der Wal selbst gab immer wieder laute Brummtöne von sich. Bürgermeister Partheil-Böhnke berichtete, dass am Abend nur noch wenige Meter bis zum tieferen Wasser fehlten, als die Aktion wegen einbrechender Dunkelheit abgebrochen werden musste. In der Nacht schaffte es der Wal dann jedoch, sich selbstständig zu befreien.
Eine technische Verfolgung des Meeressäugers ist nicht möglich, da aufgrund der erkrankten Haut des Tieres kein Sender angebracht werden konnte. Dies erschwert die weitere Überwachung seines Weges erheblich.
Ursachen unklar – Wal nicht heimisch in der Ostsee
Warum der Buckelwal überhaupt vor Timmendorfer Strand aufgetaucht war, bleibt weiterhin ungeklärt. Forscherin Stephanie Groß nannte mehrere mögliche Ursachen: „Vielleicht ist das Tier krank oder verletzt, vielleicht auch nur erschöpft. Es könnte aber auch sein, dass der Wal einfach durch einen unglücklichen Zufall in diesem Flachwasserbereich gelandet ist.“
Nach Angaben der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd handelt es sich bei dem Tier wahrscheinlich um denselben Wal, der zuvor bereits mehrfach vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesichtet worden war und Anfang März durch sein Auftauchen im Hafen von Wismar für Aufsehen gesorgt hatte.
Großwale wie Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch. Experten vermuten, dass sie auf der Suche nach Nahrung Fischschwärmen folgen und dabei versehentlich in die Ostsee gelangen können. Auch Unterwasserlärm könnte laut Meeresbiologen eine Rolle bei der Desorientierung der Tiere spielen. Die Rettungsaktion zeigt einmal mehr die Fragilität mariner Ökosysteme und die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit im Meeresschutz.



