Wie Stress das schlussfolgernde Denken beeinflusst
Akuter psychosozialer Stress kann die Fähigkeit zu logischen Schlussfolgerungen deutlich einschränken. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Hamburg. Die Wissenschaftler untersuchten erstmals, wie sich Stress auf die Integration zusammenhängender Informationen im Gedächtnis auswirkt.
„Es ist bereits bekannt, dass Stress das Abspeichern und Abrufen von Informationen beeinflussen kann. Wir haben uns nun erstmals angeschaut, wie dieser Zustand die Integration zusammenhängender Informationen verändert“, erklärt Studienleiter Lars Schwabe in einer Mitteilung der Universität. Ein anschauliches Beispiel: Wenn eine Bekannte ihren neuen blauen Motorroller präsentiert und man diesen später vor der Bibliothek sieht, verbindet das Gehirn automatisch die vorhandene und die neue Information zu der Annahme, dass die Bekannte in der Bibliothek sein könnte. In der psychologischen Forschung werden solche flexiblen Schlussfolgerungen, die über direkte Beobachtungen hinausgehen, als Inferenzen bezeichnet.
Studiendesign und Methodik
Für die Untersuchung wurden insgesamt 121 gesunde Erwachsene rekrutiert. Am ersten Tag sollten sie sich verschiedene Bildpaare (A+B) einprägen. Am zweiten Tag kamen weitere Bildpaare hinzu, die jedoch Überschneidungen mit den Inhalten des ersten Tages aufwiesen (B+C). Ein Teil der Probanden wurde zu Beginn des zweiten Tages durch die Simulation eines Vorstellungsgesprächs und durch schwierige Rechenaufgaben bewusst unter Stress gesetzt. Die Kontrollgruppe erhielt hingegen stressfreie Aufgaben. Anschließend wurde getestet, ob die Teilnehmenden die Verbindung zwischen A und C herstellen konnten – ähnlich wie im Beispiel mit dem Motorroller und der Bibliothek.
Während der Bearbeitung der Aufgaben wurde allen Studienteilnehmenden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) ins Gehirn geschaut. Der Fokus lag dabei auf dem Hippocampus, der Region im Gehirn, die für Gedächtnisprozesse von zentraler Bedeutung ist.
Ergebnisse: Differenzierung statt Integration
Die Auswertung der Daten zeigte, dass die gestressten Testpersonen sich die Bildpaare des zweiten Tages genauso gut merken konnten wie die Kontrollgruppe. Allerdings wurden bei ihnen die Areale, die für die Verarbeitung von Information A zuständig sind, bei Betrachtung des Bilderpaares B+C weniger stark aktiviert. Dadurch konnten sie die Verbindung von A zu C schlechter herstellen. „Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass akuter Stress einen zentralen Mechanismus der Gedächtnisintegration beeinträchtigt“, erläutert Schwabe. Bestehende Erinnerungen würden bei sich überschneidenden Erfahrungen unter Stress weniger reaktiviert, sodass sie eher voneinander differenziert würden.
Bedeutung für Bildung und Rechtsprechung
Die aktuellen Studienergebnisse bieten einen Erklärungsansatz dafür, warum die Schlussfolgerungsfähigkeiten bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Psychosen eingeschränkt sein können. Auch im Bildungsbereich sei die Verknüpfung verwandter Informationen die Grundlage für langfristigen Lernerfolg, betont Schwabe. Ebenso für die Rechtsprechung könnte eine gestörte Integration sich überschneidender Erinnerungen Folgen haben: Sie könne zu falschen Schlussfolgerungen oder ungerechtfertigten Anschuldigungen führen, resümiert der Forscher. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.



