Stefan Oelrich, Vorstandsmitglied und Präsident Pharmaceuticals bei Bayer, hat eine grundlegende Überarbeitung der Arzneimittelerstattung in Deutschland gefordert. Bei einer Handelsblatt-Veranstaltung zum Thema „Zukunftsorte“ im Bayer-Auditorium in Berlin sagte er: „Wenn die USA mit rund 350 Millionen Einwohnern dreimal mehr für Arzneimittel ausgeben, als es in Europa mit seinen rund 500 Millionen Einwohnern der Fall ist, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir als Standort an Attraktivität zunehmend verlieren.“
Neue Bezahlmodelle für innovative Therapien
Die Finanzierung kostspieliger Therapien auf Basis neuer Medikamente sei in Deutschland unzulänglich geregelt, so der Manager. „Wir sind als Industrie offen für neue Bezahlmodelle. Bei hochinnovativen Therapien könnte die Vergütung etwa stärker daran gekoppelt werden, wie lange und wie gut eine Behandlung wirkt. Man könnte also für eine Therapie so lange bezahlen, wie sie den Patienten tatsächlich nützt.“
Deutschland müsse sich des Themas Arzneimittelkosten und deren Erstattung unverzüglich annehmen, auch aus geopolitischen Gründen. Innovation sei eine Erfindung, die mit Kaufkraft ausgestattet ist. „Wenn die Kaufkraft wegfällt, dann gibt es womöglich in Europa viele Erfindungen, aber nicht unbedingt Innovationen.“
Berlin Center for Gene and Cell Therapies als Eckpfeiler
In ihrem 80. Jubiläumsjahr besucht die Redaktion des Handelsblatts Unternehmen in Deutschland, die an vielversprechenden Zukunftsprojekten arbeiten. In Berlin beteiligt sich Bayer am sogenannten Berlin Center for Gene and Cell Therapies, einem Neubau am Berliner Nordhafen, der ein „Eckpfeiler für ein Biotech-Ökosystem“ werden soll, wie Oelrich sagte. An diesem Projekt sind außer Bayer das Universitätsklinikum Charité, das Berlin Institute of Health sowie die Probiogen AG beteiligt.
Wagniskapital: Große Lücke im Biotech-Bereich
Eine der größten Lücken im innovativen Biotech-Bereich sieht der Bayer-Vorstand beim Wagniskapital. „Wir haben in Deutschland viel Kapital. Aber zu viel davon bleibt in sicheren und etablierten Anlageformen gebunden, statt beispielsweise Innovationen und Unternehmensgründungen im Pharmabereich zu finanzieren“, sagte Oelrich. „In den USA ist die Mobilisierung von privatem Kapital für Zukunftsindustrien deutlich leichter.“ Bleibe das so, werde der weltweite Biotech-Boom ohne Deutschland stattfinden.
Kleiner Anteil des Sondervermögens für Forschung
Der Unternehmer und Investor Harald Christ, der dem Investitions- und Innovationsbeirat von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) vorsitzt, erinnerte daran, dass nur 1,2 Milliarden Euro und damit 2,7 Prozent des Sondervermögens in diesem Jahr für Forschung und Entwicklung eingesetzt würden. Weniger, „als ein amerikanisches Unternehmen pro Woche investiert“, sagte Christ. Zugleich lagerten drei Billionen Euro in Deutschland auf Spar- und Rentenkonten, die kaum in Wachstumsbranchen fließen würden.
Start-up-Probleme: Flucht in die USA
Verena Schoewel-Wolf, deren Start-up Myopax 2023 als einziges deutsches Unternehmen in die Nature-Medicine-Auswahl der weltweit zehn vielversprechendsten neuen Therapien aufgenommen wurde, bestätigte das Problem. Die meisten Gründerinnen und Gründer kämen in Schwierigkeiten, wenn sie Geld für die Skalierung bräuchten. Die Lösung sei die Flucht in die USA, wo dann die Wertschöpfung stattfinde. Das müsse sich ändern.
Charité-Chef fordert barrierefreie Zusammenarbeit
Für den Vorstandsvorsitzenden der Charité, Heyo Kroemer, ist eine „barrierefreie Zusammenarbeit“ mit der Industrie der „Schlüsselweg“ für akademische Einrichtungen wie sein Klinikum. „Wir können davon ausgehen, dass die staatlichen Organisationen wie unsere in der nahen Zukunft nicht mehr in der bisherigen Form von staatlichen Mitteln leben werden.“
Schnellere Verfahren und weniger Bürokratie gefordert
Über eine dritte Forderung waren sich die Panelteilnehmer einig: Um mit den Biotech-Größen USA und China mithalten zu können, müsse Europa schneller werden. „Bürokratie, Regulatorik deutlich verschlanken, verbessern, schneller werden“, sagte Investor Christ. Viele Biotech-Firmen würden für die Zulassung in die USA gehen, aus dem einzigen Grund, dass sie dort weniger lange warten müssten.



