Skisprung-Skandal bei Olympia: Norwegischer Experte erhebt schwere Betrugsvorwürfe
Die Materialdiskussion im Skispringen findet auch nach der Disqualifikation des österreichischen Springers Daniel Tschofenig bei den Olympischen Spielen kein Ende. Ausgerechnet ein norwegischer Experte erhebt nun schwere Vorwürfe gegen das österreichische Team.
Disqualifikation wegen vier Millimetern
Beim Großschanzenwettbewerb der Olympischen Spiele wurde der Österreicher Daniel Tschofenig nach dem ersten Durchgang disqualifiziert. Der Grund: Seine Skisprungschuhe waren um vier Millimeter zu groß, was einen klaren Regelverstoß darstellt. Tschofenig, der nach dem ersten Durchgang auf Rang acht gelegen hatte, erklärte dazu: „Ich habe einen neuen Schuh genommen. Das ist extrem blöd von mir. Regeln sind Regeln.“
Der 23-jährige Springer betonte, er habe die Hoffnung gehabt, dass es sich um einen regelkonformen Schuh handle, und den Unterschied nicht gespürt. „Solange das bei allen durchgezogen wird, passt das. So eine Achterbahn ist ein Scheiß“, so der enttäuschte Athlet.
Norwegischer Experte spricht von vorsätzlichem Betrug
Der ehemalige Skispringer und heutige NRK-Experte Johan Remen Evensen geht in seinen Vorwürfen deutlich weiter. Der 40-jährige Norweger sagte gegenüber der Tageszeitung „Dagbladet“: „Wenn man wegen zu großer Schuhe disqualifiziert wird, ist das ein klarer Regelverstoß. Es ist offensichtlich, dass die Österreicher verzweifelt sind und alle Register ziehen. Das ist Betrug.“
Evensen wertet den Verstoß nicht als technisches Versehen, sondern als bewusste Manipulation: „Das ist vorsätzlicher Betrug. Die FIS hat ein bestimmtes Ziel mit den Schuhen.“ Seine Aussagen gewinnen zusätzliches Gewicht, da er als Experte beim norwegischen Sender NRK arbeitet und die Sportart genau kennt.
Technischer Vorteil durch größere Schuhe
Doch was bringt es überhaupt, einen zu großen Skisprung-Schuh zu tragen? Fachleute erklären:
- Größere Schuhe können dem Springer mehr Bewegungsfreiheit im Knöchelbereich geben
- Eine aggressivere Vorlageposition wird ermöglicht
- Der Körperschwerpunkt lässt sich weiter nach vorn verlagern
- Aerodynamische Vorteile im Flug können entstehen
- Die Stabilität in Kombination mit Bindung und Ski kann beeinflusst werden
Genau aus diesen Gründen werden die Maße der Sprungschuhe streng kontrolliert. Schon minimale Abweichungen können einen spürbaren Wettbewerbsvorteil bedeuten.
Historischer Hintergrund des Material-Skandals
Die aktuellen Vorwürfe stehen im Schatten eines größeren Skandals: Bei der Weltmeisterschaft in Trondheim hatten norwegische Springer mit manipulierten Anzügen betrogen, was die gesamte Skisprungwelt in einen Generalverdacht brachte. Die norwegischen Verantwortlichen wurden damals gesperrt, und die Sportart steht seither unter besonders genauer Beobachtung.
Seit dieser Saison hat der Weltverband FIS mit Chefkontrolleur Mathias Hafele einen Fachmann installiert, der rigoros durchgreift. Evensen sieht dies positiv: „Das gibt mir Zuversicht, dass das System besser funktioniert als seit Langem. Die FIS hat eine klare Linie gesetzt.“
Österreichs erfolglose Olympia-Bilanz
Die Betrugsvorwürfe kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt für das österreichische Skisprungteam. Bisher sind die österreichischen Springer bei den Olympischen Spielen in Italien noch ohne Medaille geblieben. Diese sportliche Misere könnte nach Ansicht von Evensen ein Motiv für regelwidrige Maßnahmen sein.
Die FIS signalisiert mit der strikten Durchsetzung der Materialregeln dem gesamten Skisprungfeld, dass Manipulationsversuche nicht toleriert werden. „Das signalisiert dem gesamten Skisprungfeld, dass es keinen Grund gibt, es zu versuchen. So etwas gab es vorher noch nicht“, so Evensen abschließend.



