Franziska Preuß' Nervenkrieg am Schießstand: Olympia-Träume zerplatzen in 30 Sekunden
Die Enttäuschung war Franziska Preuß deutlich anzusehen, als sie nach dem Verfolgungsrennen bei den Olympischen Winterspielen in Antholz ins Ziel lief. Wieder einmal hatte das letzte Stehendschießen ihre Medaillenchancen zunichte gemacht. "Es wackelt nur noch", beschrieb Deutschlands beste Biathletin ihren Zustand in den entscheidenden Momenten. "Ich bin dann so angespannt und bekomme nicht mehr den Fokus auf das Wesentliche. Dann geht einfach nichts mehr."
Emotionaler Höhepunkt mit bitterem Beigeschmack
Eigentlich sollte Südtirol der Ort werden, an dem die 31-Jährige ihre Karriere mit einem emotionalen Höhepunkt krönen würde. Nach dem WM-Gold im Jagdrennen vor einem Jahr in der Schweiz strebte Preuß endlich ihre erste Einzelmedaille bei Olympischen Spielen an. Doch dieser Plan scheitert an einer unerklärlichen Nervenschwäche genau in den Momenten, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Wie schon über 20 Kilometer zuvor zerstörten im Verfolgungsrennen zwei Fehler im finalen Stehendschießen ihren Traum. Statt mindestens Bronze wurde sie nur Sechste und brach hinterher mehrfach in Tränen aus. "Dass das letzte Schießen so scheiße läuft, das tut richtig weh", gestand die sichtlich mitgenommene Sportlerin.
30 Sekunden zwischen Freude und Enttäuschung
Der Olympia-Auftakt in der Mixed-Staffel verlief ähnlich frustrierend: Wieder handelte sich Preuß eine Strafrunde ein, doch dank starker Teamkollegen reichte es immerhin zu Bronze. Dieser Erfolg bleibt der einzige Lichtblick in ansonsten schwierigen Winterspielen für Deutschlands Sportlerin des Jahres.
"Leider entscheiden 30 Sekunden über Freude oder Enttäuschung", schrieb Preuß gut sechs Stunden nach dem bitteren Zieleinlauf bei Instagram. "Ja, diese letzten, entscheidenden 30 Sekunden ärgern mich immer noch, aber genau sie treiben mich an. Ich stecke den Kopf nicht in den Sand, ich arbeite weiter."
Extreme Drucksituationen als Herausforderung
Sportdirektor Felix Bitterling analysierte die Situation nüchtern: "Sie hat es viele, viele Jahre geschafft, genau in diesen Situationen zu bestehen." Aktuell habe Preuß zwar Probleme, aber das sei kein Grund, an ihr zu zweifeln. "Das, was wir im Training sehen, ist, dass sie diesen Bock jederzeit umstoßen kann", betonte Bitterling.
Der Grund für die Schwäche in den entscheidenden Momenten sei "eine gewisse Unsicherheit", so der Sportdirektor weiter. Letzte Schießen um Olympia-Medaillen seien "extreme Drucksituationen", deren Bewältigung die hohe Kunst des Sports darstelle. Dass Preuß diese Kunst beherrsche, habe sie oft genug bewiesen.
Partner Schempp bleibt zuversichtlich
Simon Schempp, seit über zehn Jahren der Partner an Preuß' Seite, zeigte sich trotz der Rückschläge optimistisch. Der Ex-Weltmeister und Staffel-Olympiasieger hat als Aktiver selbst harte Zeiten durchgemacht und steht seiner Freundin nun bei. "Sie ist nach wie vor hungrig", sagte der 37-Jährige. "Ich wünsche ihr einen Wettkampf mit 100 Prozent Trefferleistung, dann geht auch mehr."
Bis zum letzten Gang an den Schießstand zeigte Preuß einmal mehr eine Weltklasseleistung. Auch ihre Laufform stimmt und würde reichen, um ganz vorn anzugreifen. Doch die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Während Preuß in der Vorsaison beim Gewinn des Gesamtweltcups noch 88 Prozent ihrer Schüsse im Stehendschießen traf, sind es im laufenden Winter nur noch 79 Prozent.
Deutsches Team unter Druck
Das deutsche Biathlon-Team holte erstmals in sechs Einzelrennen zum Olympia-Start keine einzige Medaille. Der Druck ist mittlerweile enorm, weil die Auswahl des Deutschen Skiverbandes den hohen Erwartungen trotz einiger Top-Ten-Plätze nicht gerecht wird.
Dass Preuß weiterhin die Einzige ist, die aus eigener Kraft und ohne Fehler der anderen Medaillen gewinnen kann, macht die Situation zusätzlich schwierig. Es mangelt an Entlastung, für die Vanessa Voigt im Einzel als Vierte zumindest kurzzeitig sorgen konnte.
Spätestens am Saisonende plant Franziska Preuß aufzuhören, womöglich ist aber schon am kommenden Samstag Schluss. Ganz sicher wird der olympische Massenstart ihre letzte Chance auf eine Individualmedaille sein. Eine weitere Möglichkeit auf Edelmetall gibt es am Mittwoch mit der Frauen-Staffel, die sie im Weltcup regelmäßig als Schlussläuferin anführte.



