Sie sind unzertrennlich wie siamesische Zwillinge. Wenn Alexander Zverev (29) spielt, ist Marcelo Melo (42) nicht weit. Der Hamburger und der Brasilianer sind beste Freunde. Nach Zverevs Sieg bei den French Open trennten sich kurz ihre Wege. Der Grand-Slam-Champion hat Termine ohne Ende, sein Kumpel fuhr am Montag mit dem Zug von Paris nach Stuttgart, wo er bei den Boss Open am Dienstag Doppel spielte, aber gleich rausflog.
Die Feier nach dem Triumph
BILD: Wie haben Sie den Sieg von Alexander Zverev und die Party erlebt?
MARCELO MELO: Wir wünschten ihm seit so langer Zeit, dass er es schafft. Jeder versuchte, ihm zu helfen, jeder wusste, wie sehr er diesen Titel wollte. Es war eine Erleichterung. Ich habe immer gesagt: „Du wirst es schaffen, früher oder später.“ Und ich war froh, dabei zu sein und das mit ihm zu genießen. Wir haben dann bis sehr früh morgens gefeiert. Ich war auch glücklich für ihn, dass er seine ganze Familie dabei hatte. So konnte er diesen besonderen Moment mit ihr genießen, der für ihn so wichtig war.
Eine außergewöhnliche Freundschaft
BILD: Er betonte oft, dass Sie sein bester Freund sind. Was bedeutet Ihnen diese Freundschaft?
Melo: Wir haben uns einst auf der Tour kennengelernt. Einige fragen, wie man bei so einem Altersunterschied beste Freunde sein kann. Aber wir tun dieselben Dinge, wir reden über dieselben Sachen, auch wenn wir 13 Jahre auseinander sind. Er spielt gegen dieselben Gegner, wir reden auch viel über Tennis, reisen zusammen, machen alles zusammen. Auf dem Level spielt im Sport der Altersabstand keine Rolle. Ich kenne auch die Familie sehr gut, genieße auch mit ihr die Zeit. Ich bin glücklich, dass ich ihn seit zehn Jahren habe.
Gemeinsame Ziele auf dem Platz
BILD: Und dass Sie auch Doppel mit ihm spielen.
Melo: Ja, wir spielen dieselben Turniere, dort oft auch Doppel. Wir haben 25 Turniere im Jahr gemeinsam. Wenn dann eine Freundschaft entsteht, dann ist es mehr als das. Die Mentalität, Grand Slams zu gewinnen, die Nummer 1 zu werden, machte die Beziehung noch enger, als wenn die Top 50 das Ziel sind. Nichts gegen die Top 50, aber wir beide reden über dieselben Ziele, ich jedoch im Doppel. Ich habe zwei Grand-Slam-Titel, war die Nummer 1 der Welt. Das sind dieselben Gespräche. Wir denken über denselben Weg nach: Wie spielt man gegen Djokovic, wie spielt man früher gegen Nadal? Diese tägliche Basis bringt einen enger zusammen. Es ist gut, die großen Träume mit jemandem zusammenzuhaben. Da denkst du nicht über das Alter nach.
Wie die Freundschaft entstand
BILD: Gab es einen speziellen Moment, in dem Sie wussten: „Das passt zwischen uns“?
Melo: Nein, das passierte im Laufe der Zeit seit ich ihn vor zehn Jahren traf. Wir haben uns in Rotterdam kennengelernt. Und das war genau der Weg: Wir haben über das nächste Match gesprochen, wie spielt man, was kann passieren. Wir trafen uns in der Kabine, beim Essen. Dann das nächste Turnier und man merkt: „Du bist nett. Ist der Tisch frei? Kann ich mich dazu setzen?“ Und so ging es weiter. Es baute sich ein großes Vertrauen auf über die Jahre. Wir hatten viele schöne Erlebnisse, auch mit der Familie, bei Turnieren, im Urlaub, zu Hause in Monte Carlo. Wenn man so eng miteinander ist, entscheidet man sich nicht für so eine Freundschaft, sondern sie entsteht einfach.
Die Rolle der Großmutter
BILD: Sie und Alexanders Großmutter haben in Paris die meiste Stimmung in der Box gemacht, die Oma ist der neue Star.
Melo: Sie ist pure Energie für ihn. Es war lustig. Sie redete immer mit mir, aber ich spreche kein Russisch. Das war schon herrlich.
Unterstützung für den Champion
BILD: In den vergangenen Jahren beschwerte er sich öfter, dass die Box zu ruhig sei und von ihr zu wenig komme.
Melo: Das ist Sascha, wir kennen ihn ja alle. Wir versuchen immer alle, das beste für ihn zu tun, dass er sich wohlfühlt, was immer er auch braucht. Alle in der Box tun alles, dass er ein besserer Spieler wird. Der Vater als Coach, der Physio, der Hittingpartner im Training, ich als Freund. Damit er der Topspieler sein kann, der er ist.
Der Glaube an den Grand-Slam-Titel
BILD: Er sagte, er hätte nie einen Zweifel gehabt, einen Grand Slam zu gewinnen. Sahen Sie das auch so?
Melo: Wenn du Grand-Slam-Finals gespielt und Masters gewonnen hast, wenn du gegen die Top-Stars auf Augenhöhe spielst, dann musst du glauben, dass du einen Grand Slam gewinnen kannst. Alles andere würde keinen Sinn machen. Das passt nicht zusammen, die Nummer 3 der Welt zu sein, und in dem Bereich über zehn Jahre zu sein und nicht daran zu glauben. Das einzige, das gefehlt hat, war dieser Titel. Er war ein paarmal ganz nah dran. Ich habe wirklich immer dran geglaubt, und so ist es auch gekommen. Aber klar ist auch, mit jedem Turnier, das du nicht gewinnst, wird der Druck größer. Ich bin froh, dass er es so hinbekommen hat, das war nicht einfach für ihn. Normalerweise verliert er nur gegen Sinner oder Alcaraz bei Grand Slams, nun ergab sich eine andere Chance. Er glaubte auch daran, dass er gegen die beiden gewinnen kann, auch wenn es schwer ist. Aber es ist für jeden schwierig gegen Sinner und Alcaraz. Aber zehn Tage wird er ständig von allen gefragt: „Jetzt muss es passieren, jetzt musst du es schaffen.“ Er schaute nur aufs nächste Match, blieb ruhig, das ist es, warum er es verdient hat, ein Grand-Slam-Champion zu sein.
BILD: Hat er Ihnen nie gesagt: „Ich glaube, ich packe das mit dem Grand-Slam-Titel nicht mehr“?
Melo: Nein. Natürlich, wenn er harte Matches verloren hat, wenn er Finals verloren hat, das zieht dich natürlich runter. Aber genau dann kommt es darauf an, wenn du um dich hast. Gut, einige Spieler wollen einen Grand Slam, haben aber nicht das Niveau dafür. Er aber schon. Und wir haben alle daran geglaubt, dass er gewinnen kann und das gab ihm die notwendige Energie, immer weiterzumachen. Nach seinem Unfall 2022 und den Problemen mit dem Fuß kam er stark zurück. Und da war die Familie ganz wichtig, die immer an ihn glaubte und ihn gepusht hat. Mischa, Vater und Mutter bestärkten ihn immer zu glauben, dass er gewinnen kann. Und das tat er. Er muss in dem Moment da sein und es auf dem Platz selbst richten, egal, was irgendjemand sagt. Und das hat er umgesetzt. Manchmal dauert es kürzer, manchmal länger, am Ende ist jeder glücklich.
Was Melo an Zverev schätzt
BILD: Was mögen Sie am meisten an ihm?
Melo: Er ist natürlich. Er sagt, was er fühlt, er ist kein Fake. Da ist er wie ich. Wenn er mich über Tennis fragt, sage ich immer, was ich denke, egal, ob ihm das gefällt oder nicht. Wenn er einen Ball nicht gut spielt, sage ich ihm das. Oder auch außerhalb des Platzes. Da sage ich auch, was ich an seiner Stelle lieber tun oder lassen würde. Mit ihm ist es immer unkompliziert. Das mag ich. Das ist keine Fake-Beziehung. Natürlich hatten wir Millionen Diskussionen, aber die machen die Freundschaft nur noch stärker. Manchmal macht er mich zur Sau, wenn ich verloren habe zum Beispiel. Aber ich weiß: Das ist echt. Oder ich sage ihm: „Das war schlecht. Du musst besser spielen.“ Dann ist er sauer, aber er weiß: „Ja, stimmt.“
BILD: Worum geht's meist in den Diskussionen?
Melo: Er sagt: „Du hast keine Ahnung von Tennis.“ Und ich sage: „Du hast keine Ahnung von Tennis.“ (lacht) Wir hatten aber noch nie einen richtigen Krach.



