Fast wieder Olympia in München: Die vergessene Debatte von 1976 um die Ersatzspiele
Vor genau 50 Jahren, im Frühjahr 1976, schien es für einige Tage so, als könnten die Olympischen Sommerspiele bereits vier Jahre nach den legendären Spielen von 1972 erneut in München stattfinden. Diese fast vergessene Episode der Münchner Stadtgeschichte sorgte damals für erhebliche Aufregung und Entsetzen bei vielen Bürgern.
Die unerwartete Anfrage des Internationalen Olympischen Komitees
Eigentlich waren die Sommerspiele 1976 für das kanadische Montreal geplant. Doch wenige Monate vor der geplanten Eröffnung zeichnete sich ab, dass die Sportstätten dort nicht rechtzeitig fertiggestellt werden könnten. In dieser kritischen Situation erklärte IOC-Vizepräsident Willi Daume im März 1976: „Wir werden die Möglichkeit prüfen, ob München die Olympischen Spiele 1976 ausrichten kann.“ Damit war die Stadt unvermittelt als potenzieller Ersatzausrichter im Gespräch.
„Bittschön net scho wieder!“: Die empörte Reaktion Münchens
Die Münchner Reaktion fiel überwiegend ablehnend aus, wie ein Blick in die Archivbände der Abendzeitung zeigt. Mit der Schlagzeile „Olympia in München - bittschön net scho wieder!“ brachte das Blatt die Stimmung vieler Bürger auf den Punkt. Oberbürgermeister Georg Kronawitter von der SPD versuchte die Debatte sofort zu beenden: „Dieser Zug ist abgefahren. München kommt als Ersatzstandort auf keinen Fall in Frage.“
Sportreporter Günther Wolfbauer kommentierte in der AZ mit deutlichen Worten: „Sucht euch einen anderen Lückenbüßer! Sollen gefälligst die Kanadier jene Suppe auslöffeln, die sie sich und dem IOC eingebrockt haben.“ Sein Fazit: München brauche keinen zweiten Anlauf, der die Erinnerung an die glanzvollen Spiele von 1972 nur verwässern würde.
Die Stimmen der Münchner Bürger
Die AZ befragte im Frühjahr 1976 zahlreiche Münchner zu ihrer Meinung. Die Angestellte Ernar Fruth (36) sagte: „Wissen‘S, i bin echte Münchnerin. I mag a Ruah in meiner Stadt. Wenn i an den Menschenauflauf bei den letzten Spielen denk, dann werd‘s mir jetzt scho Angst. De soll‘n die Olympischen Spiele nach Hamburg verlegen, die g‘frein se aa.“
Der Schriftsetzer Heinz Wieland (20) äußerte: „Ich bin zwar sportbegeistert und schaue mir jede Sportsendung im Fernsehen an, trotzdem wäre es schlecht, der Stadt München diese Belastung schon wieder aufzuhalsen. Außerdem steigen dann wieder die Preise.“
Die wenigen Befürworter
Die Befürworter waren klar in der Minderheit, doch es gab sie. Das Fremdenverkehrsamt erklärte auf Nachfrage: „Wenn dieser Kelch an uns herantritt, werden wir ihn austrinken.“ Der Hotel- und Gaststättenverband reagierte sogar erfreut: „Wir haben 25.000 Betten zur Verfügung, die Gästelawine kann kommen.“
Wie die Geschichte weiterging
Die Gästelawine blieb jedoch aus. Die Spiele konnten letztlich doch in Kanada stattfinden, wenn auch mit erheblichen Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Bis es wieder eine ernsthafte Debatte um Olympische Sommerspiele in München geben würde, sollten Jahrzehnte vergehen.
Im Herbst 2025 zeigte sich dann eine völlig andere Stimmung: Eine überwältigende Mehrheit der Münchner Wähler stimmte beim Bürgerentscheid für eine neuerliche Olympia-Bewerbung. Die fast vergessene Episode von 1976 bleibt damit ein faszinierendes Kapitel der Münchner Stadtgeschichte, das zeigt, wie sich öffentliche Meinungen im Laufe der Zeit wandeln können.



